Monsieur Croche

4. Dezember 2010

9 Comments

Wald und Ich

Es war Juli 2008, als ich mich in Wald niederliess. Ich war zu dieser Zeit ein psychisches Wrack, hatte kaum einen Franken in der Tasche und soeben mein Soziologie-Studium hingeschmissen. Glücklicherweise hatte ich noch einen einigermaßen warmen Herrenmantel, der mich ein wenig vor der Kälte schützte. Immerhin: Einige Monate zuvor hatte ich meine erste eigene Wohnung bezogen. Ein Einzimmerdrecksloch im selben Kaff, indem ich aufgewachsen bin. Gleich dort neben meiner ehemaligen Primarschule. Aber es hätte nicht sein sollen. Das war nichts für mich. Ich musste weg. Weg aus dieser Höhle, weg aus diesem Scheisskaff. Weg von allen Erinnerungen und Erlebnissen, die mich vom Leben und Atmen abhielten.

Und dann bot sich plötzlich diese Wohnung in Wald an. Ein Drecksloch zwar auch, aber immerhin eins mit drei winzigen Kämmerchen. Das Badezimmer befand sich zwar auf dem Flur, der Wind pfiff zwischen allen Ritzen hindurch und der ständig mit irgendwelchem Drogen zugeschissene Hippie von unten spielte unaufhörlich psychidelischen Mist mit seiner E-Gitarre – aber was soll’s? Immerhin lebte dieses Haus und erfüllte mich gleichsam mit einer speziellen, mir bis anhin fremden Lebenskraft und Zuversicht. Es konnte alles nur noch besser werden.

Vor diesem Haus kiffte jeweils hinter einem Container versteckt die unflätige Dorfjugend und im Umkreis von 20 Metern befanden sich zwei Bars (Der “Zipfel” und die “Scheidegg”). Schlägereien zwischen betrunkenen Alkoholikern waren keine Seltenheit und an manch einem Morgen begrüsste mich Erbrochenes vor der Haustüre. Doch trotz allem: Ich mochte diesen Ort, denn er war authentisch. Die Realität blickte mir unverblühmt ins Gesicht. Ich…ich spürte an diesem Ort das Leben, konnte es riechen, es roch nach Alkohol, Kotze und altem Frittieröl.

Die vorangegangenen Jahre…die Zeit, die seit meiner Matura im Jahre 2006 bis zu meinem Auszug aus dem Elternhaus vergangen war, war bestenfalls durch Stillstand geprägt. Unglückliches Verliebtsein, ungehemmtes Saufen und ungebremstes Fettwerden. Die Beziehung der Eltern mehr als hoffnungslos festgefahren und keine Aussicht auf Besserung. Nachträglich fragte ich mich oft, weshalb ich nicht schon viel früher auszogen bin.

Nichtsdestotrotz: Ich tat es irgendwann zum Glück ja doch. Irgendwann sass ich als 22-Jähriger umringt von Umzugskartons auf dem Boden dieser Walder Wohnung. Es war für mich geheiligter Boden. Wenig später machte ich mich auf die Suche nach einem Job und fand in einer Reiseversicherungsgesellschaft eine Anstellung als Obertrottel. Der Arbeitsweg war lange, der Job beschissen und die Chefin eine frustrierte Jungfer. Immerhin stimmte der Zahltag. Ich beschwerte mich nicht weiter und liess es über mich ergehen.

Indes zog mich langsam aber sicher die Magie meines neuen Wohnorts in ihren Bann. Im Nachhinein fällt es mir schwer zu beschreiben, was genau diese Magie ausmachte. War es einfach ein neues Dorf, neue Gesichter und neue Möglichkeiten? Oder war dieses neuartige Lebensgefühl nur in Wald selbst möglich?

Gleichsam wie ein Zirkel, dessen Radius jemand schrittweise vergrössert, wanderte ich immer weitere Kreise um meine neue Wohnung herum ab. Ich entdeckte viele schöne und liebenswerte Häuser und Orte, welche von Walds vergangenem Reichtum zeugten. Vor allem aber entdeckte ich Menschen mit berührenden Schicksalen und Geschichten. Da waren Spieler, Idealisten und Verliebte. Ein Mikrokosmos in sich.

Derweil hielt langsam aber sicher der Winter in Wald Einzug. Der erste Schnee fiel und hüllte Dächer, Hügel und Strassen in einen wattig-weichen Mantel. Klare Nächte, klirrende Kälte und weiterer Schneefall reihten sich aneinander. Während dieser Zeit sass ich oft zu Hause in meinem Wohnzimmer auf dem Sofa und war eingepackt in Pullover und Wolldecke und las ein Buch, während draussen weiterer Schnee fiel und kühler Wind gegen die beschlagenen Fenster bliess.

Immer in diesen Momenten durchfuhr mich ein seltenes, bis anhin mir unbekanntes Glücksgefühl. Das Gefühl, irgendwo zu Hause zu sein, irgendwo hin zu gehören; das Gefühl von Geborgenheit. Manchmal verliess ich dann meine Wohnung, um mir beim nahegelegenen Selecta-Automaten entweder Zigaretten oder Schokolade zu besorgen. Ich stieg die schmalen Stufen des dunklen Treppenhauses hinunter, passierte Türen, hinter denen Menschen sich gegenseitig anschrien oder zu laut Musik hörten und schritt letztendlich nach Draussen. Dumpfe Stille lag über der Nacht. Einzig der frisch gefallene Schnee unter meinen Timberland-Imitaten knarrte. Glück. Ja so musste sich Glück anfühlen. Wie frisch gefallener Schnee, der unter dem Eindruck schwerer Winterstiefel gefestigt wird.

Zurück in meiner Wohnung begann ich zu verstehen. Ich begann zu verstehen, dass das Leben vor mir liegt. Es war gleichsam die einfachste und aber auch schwerste Erkenntnis. Ich brauchte bloss den Schritt in es hinein zu wagen. Verdammt, es lag da vor mir. Es lag schon die längste Zeit meines Lebens vor mir und nun begann ich endlich zu verstehen, dass alles in meinen eigenen Händen lag. Ich müsste es nur tun. Den Sprung wagen. Leben. Langsam und weitgehend schmerzlos vollzog sich in diesem Wintermonaten des Jahres 2008 sowas wie die Geburt meines Selbstwertgefühls. Ein neues Lebensgefühl, eine neue Zuversicht machte sich in mir breit. Ein Lebensgefühl, welches noch heute irgendwo tief verankert in mir sitzt.

Und heute, wenn ich manchmal durch die Strassen Walds gehe, dann scheint es mir oft ein wenig so, als sei dieser Ort eine Manifestation meiner Seele. Kaputt, geschunden und verwegen, aber doch so voller reicher Geschichten, Lebenskraft und Zuversicht. Vielleicht ist es auch dies der Grund, weshalb ich diesen Ort so liebe; ich bin Wald.

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9 Responses to Wald und Ich

  1. Kim says:

    Hey, fand ich schön zu lesen. So Introspektives könnte ich nie ins Internet schreiben. Respekt!

  2. Monsieur Croche says:

    Vielen Dank für deinen Kommentar :) Ja ich weiss halt auch nicht; das ist sowas wie ein Zwang bei mir. Manchmal muss ich mir Dinge vom Leib schreiben. Schreibend lässt sich auch irgendwie besser reflektieren.

  3. madame says:

    Das raubt mir den Atem.

    Und Danke! Jetzt sind wir schon zwei zwanghafte Erzähler, die sich, falls sie Pech haben, irgendwann werden schämen müssen dafür, dass sie ihren persönlichen Krempel ins Internet stellen.

  4. Monsieur Croche says:

    Danke für was? :) Jaja ich denk’ mir das auch häufig, wobei ich mich innerlich schon irgendwie darauf vorzubereiten versuche, dass ich irgendwann deshalb mal auf die mütze kriegen werde ;) Ach ich danke übrigens dir noch für’s Verlinken auf deinem Blog =)

  5. Marc says:

    Sehr schöner Text. Hat mich bewegt und Dein Fazit, wie du weisst, entspricht genau meiner Sicht des Lebens. (Ausser dass ich auch Wald bin? Nein, um Himmelswillen)

    Weiter so! Das mag ich.
    Marc

  6. Elli says:

    Sehr schön geschrieben!

    Ich bin ausserdem im Nachbarsdorf von Wald aufgewachsen, für kurze Zeit dann in die “grosse” Stadt weggezogen und schlussendlich nach zwei Jahren wieder zurück aufs Land. Zuhause ist’s immer noch am schönsten :)

  7. Monsieur Croche says:

    Vielen Dank :)

    Echt? Woher kommst du denn? Rüti? Dürnten? Oder Fischenthal? Ist ja toll! Bei mir wird’s wohl etwas länger als 2 Jahre dauern bis ich wieder auf’s Land ziehen werde (wegen dem Studium) aber irgendwann werd ich sicher wieder zurückkommen, denn mir fehlt die Natur hier halt schon recht…

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