Vortrag mit Daniel Bremer
Daniel Bremer ist freischaffender Philosoph. Häufig tätig im Gesundheitswesen für ethische Fragen und Sterbebegleitung. Hat bei Umsetzung der Bologna-Reform selbst mitgearbeitet.
Zum Vorwurf der Verschulung: Befremdende Statistiken wurden eingeführt, die Unis machen mussten. Aber Beschluss fand auf so hoher Ebene statt, dass gar niemand etwas dagegen sagen konnte. Funktionalisierung findet statt, sodass “Störenfriede” gar keinen Platz mehr haben. Heutige Studierende müssen quasi schon bei Geburt wissen, was sie studieren möchten. Es bleibt kein Platz mehr, um kritische Debatten zu starten. Gibt es überhaupt noch Foren, die kritische Debatten zulassen? Im öffentlichen Bereich an Uni dürfte man Theorien schon auch noch durchdenken dürfen und sie nicht bloss auswendig pauken. Jede Minute muss einen Sinn haben. Das ist nicht nur ein Problem von Bologna, sondern der Gesellschaft. Alles wird in Zahlen gesetzt. Auch z.B. Blutdruck messen, BMI usw. “Das Subjekt wird von aussen vermessen und dementsprechen bewertet”. Verdächtig findet er auch die Aussage: “Was du hast einen freien Nachmittag? Kannst du dir das überhaupt leisten?!” Ist erstaunt darüber, dass Studenten keine Zeit mehr finden, um aus eigenem Interesse ein Buch zu lesen.
Als er vor vier Wochen seine Vorlesung begann, war die erste Frage “Sie, wieviele Punkte gibt diese Vorlesung?”. Er hält dies für besonders bedenkend. Früher hatte man noch Ideen, heute sammelt man Punkte. Ist das ein Strukturproblem von Bologna oder ist Bologna selbst ein Auswuchs der Gesellschaft?
Problem der Reibungslosigkeit: Heute muss alles reibungslos gehen. Reibung muss nicht unbedingt schlecht sein. Reibungslosigkeit ist ein Zeichen eines totalitären Systems. Warum ist das so? Ist das ein Bologna-Problem oder ist Bologna Auswuchs einer Ökonomisierung des gesellschaftlichen Denkens? Es gibt eine Tendenz die Leute zu “domestizieren” und ihre Probleme in sie hineinzuverlagern, damit das System nicht gestört wird. So, als sei das Subjekt schuld. Im Gesundheitswesen findet selbe Entwicklung statt. Entscheidende Fragen werden zurückgeworfen auf’s Subjekt. Stichwort Patientenverfügung. “Jeder muss genau wissen, wie er sterben will”. Auf die eine Seite überfordert es die Leute, auf die andere Seite kann man auch fragen, ob das Ausweitung der Freiheit sei.
Problem auch, wenn System wie Bologna sehr komplex ist. Wenn Uni klein ist, geht das noch. Aber wenn gross wie UZH droht Subjekt sich in Maschinerie zu verlieren.
Verbesserung der Lerninhalte: Es kamen massenhaft neue Studiengänge in Betrieb. Alter Traum der interdisziplinärer Zusammenarbeit sollte gestärkt werden damals. Man hat dann von allem ein wenig in Studiengang hineingestopft und dann damit einen Bachelor aus dem Boden gestampft. Bspw. Kulturwissenschaften. Aber niemand wusste genau, was die genau machen. Auch Wirtschaft nicht. Die hatten keine Verwendung für sie. Damit werden die Lerninhalte verwischt und es ist kein roter Faden zu erkennen. “Von allem ein bisschen, aber doch nicht so richtig – ob das das kritische Denken fördert, ist zu fragen”. Wissensbegriff heute ist anderer als früher. Heute fragt man sich, was Wissen überhaupt noch Wert ist. Es findet eine Spezialisierung statt. Jeder ein Rad in der Maschinerie. Vernetztes denken bleibt aussen vor. Eine Ausdifferenzierung des Wissens. Es findet eine Auflösung des Subjekts statt. Nur noch Konformisten gehen durch die Gesellschaft.
Durch Evalution der Lerinhalte erhoffte man sich Verbesserung der Lehre. Aber ob das wirklich eine Qualitätsverbesserung bringt, ist fraglich. Denn wie bemisst man gute Lehre? Paradoxerweise gefällt vielen die klare Struktur, die durch Bologna geschaffen wurden. Nun hat man Möglichkeit sich zu orientieren
Quantifizierung ist nicht nur schlecht, aber es bleibt die Frage, wie man Wissen daraus zieht.
Thesen
- Strukturen – soll man sie beibehalten oder kippen?
- Soll man die Entwicklung der Auflösung des Subjekts angreifen?
- Kritik selbst als ein Handeln auffassen. Normaler Student vs. radikale Studenten, die besetzen. So sollte man nicht denken. Diese Trennung überwinden. Hier stellt sich frage eines Kritikbegriffes, den man definieren müsste. Man kann Kritik nicht als Luftleeren Raum begreifen, sondern als eine “Textur”, die die Materie der gesellschaftlichen Realität mitformt. Problem bei Bologna: “Was kann ich als einzelner überhaupt zu tun?” Wie müsste Kritik überhaupt aussehen? Auf pol. Ebene wäre das ein extrem langfristiger Prozess. Ein bisschen Protest ist sicherlich gut. Aber dann mittelfristig müsste es strukturelle Veränderungen geben. Problem heute ist, dass Systeme so komplex sind. “Ja, ich habe nur diesen Bereich. Da sind andere dafür zuständig”. Alle kennen die Problematik. Aber wenn die Entscheide fallen, fallen sie 99% systemkonform, denn man will den Betrieb ja nicht stören.Wer ist Bologna? Sind das “die Bösen”? Oder wir alle? Er würde vorschlagen, dass man einen Kritikbegriff einführt, der Teil des Systems ist. Wir hier sind also nicht gegen “DIE”, sondern Teil von ALLEM. Problem für Konformismus sind Existensängste (Jobverlust)
- Verlust des Fremden, das angeblich stattfindet in Gesellschaft. Alles wird vermessen. Evtl. droht uns kantianische Gesellschaft des ewigen Friedens, wo alles auf Vernunft basiert. Führt zu Uniformisierung des Denkens. Dabei stellt sich auch die Frage der egalitaristischer Gerechtigkeit vs. non-egalitaristischer Gesellschaft. Der Traum der Kontrolleure ist, dass das Fremde regulierbar bleibt. Es gibt These, die sagt, dass Abendländische Kultur eine Entdeckergesellschaft sei. Aber was ist, wenn die Fremden, keine Fremden mehr sind. Wenn alles gleichgestaltet ist. Führt zu Identitätsverlust. Man funktioniert einfach nur noch. Für Fremdes bleibt kein Platz. Man muss sich fragen, ob Differenzierung oder nicht stattfinden soll.
Questions & Answers
Q: Uns wird ständig vorgeworfen, wir würden mit Ökonomisierung der Bildung nichts konkretes ansprechen. Haben sie eine Idee, wie man als Bewegung verständlich darstellen könnte, was unser Problem ist?
A: Gibt 3 Möglichkeiten. 1. Mit Diskurs versuchen. 2. Wir fliehen. In idyllische Uni oder 3. Wir gehen mit Gewalt vor, aber da ist Problem d. Diskurses nachgelagert. Früher war es so, dass dir “keine Sau” sagte, was du denken und schreiben sollst. Man war vielmehr alleine. Da musste man sich mehr mit Sache auseinandersetzen. Man müsste versuchen Gesprächsbedingungen zu schaffen, um Problem auf Augenhöhe zu führen. Man muss sich aber über die eigene These im Klaren sein. Das Problem wenn man Systeme kritisiert ist, dass man dem System ganz genaue Thesen vorstellen muss. Man muss sofort Output garantieren können, da es ansonsten nicht gemacht wird. Auch Philosophie ist verdächtig, weil sie nicht per se einen Output generiert. Aber sobald man Philosophie mit klarem Konzept zu vermarkten beginnt, dann funktioniert es.
Q: Was ist Bildung?
A: Es gibt natürlich Wissen, das wir brauchen um zu überleben. Aber Frage, was ist eine Bildung, die nur da ist, zum Überleben. Wer definiert Bildung? Sollen wir das auch dem System überlassen? Philosophisch kann man eigentlich nur Problemfeld öffnen und hoffen, dass die Andern nachziehen. Häufig ist Problem, dass viel zu selten kreativ gedacht wird. Bzw. eine grosse Seite denkt nicht kreativ und die andere nicht. “Man könnte von Bildung auch Zeit für ‘Sinnlosigkeit’ fordern”. Dass man Zonen fordern, in denen nichts definiert ist, ausser evtl. Rahmen.
Q: Bildung als solches ist am Aussterben. Es geht nur noch um Ausbildung.
A: Versprechung, dass alle hier Top-Jobs bekommen, ist eine leere.
Q: Was halten sie von Grundeinkommen?
A: An sich überlegenswert. Das Problem wird nur sein, wie man über jahrzehnte eingepauktes Ökonomisierungsdenken und Maximierungsdenken aus den Köpfen rausbringt. Problem: Der Arbeitsbegriff. Es gibt eine ganze Menge von Arbeitsbegriffen. Es gibt viele Auffassungen, wie man Arbeit auffassen soll. Es gibt sehr viele davon. Der homo oeconomicus ist nur einer davon. Aber ein mächtiger. Scheint mir wichtige Frage zu sein, wie man Arbeitsbegriff auffasst. Landadel im 18.Jh. hatte ja eigentlich keine Arbeit. Man hat sich Zeit einfach irgendwie vertrieben. Heute können wir das gar nicht mehr, da würden wir depressiv. Also: Welcher Arbeitsbegriff soll es eigentlich sein? Früher schon wurde gefordert, dass 4 Stunden Arbeit pro Tag ausreichen würden und den Rest für Musse nutzen (z.B. nachdenken). Grundeinkommen wäre schon sinnvoll, aber wie das aufgebaut werden soll, müsste dann die Ökonomen klären. Irgendwo muss das Geld dann halt doch herkommen.
Frage an Studenten, was sie weiter unternehmen wollen. Er findet Skandalisierung in Medien als erster Schritt gut. Fragt, ob Studenten Möglichkeit sehen, um Bologna-Modell zu ändern.
- Evtl. bei Diskursproblem anfassen. In Uni Raum schaffen für kritisches Forum. Studentin glaubt, dass aber das wohl schon schwierig sein dürfte. Bremer meint, dass es tätsächlich schwierig sein dürfte, bis Leute verstehen, dass Kritik positiv gemeint ist und nicht blosse Nörgelei. Problem an Vorschlag der Studentin wäre wohl, dass man nur Scheinkompetenz bekommt. Man arbeitet etwas aus, aber keiner hört darauf. Bremer rät auch Dozenten anzusprechen, da es bei ihnen sicherlich auch viele Kritische gibt, die einfach schweigen.