Und am Ende bleiben die Geschichten
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem die letzte Bierdose geleert ist, das letzte Glas Vodka gekippt und die letzte Kippe gepafft ist. Die Sonne ist in der Zwischenzeit zwar schon lange aufgegangen und doch legen sich erst jetzt die letzten Partygäste der «WG zur schlechten Laune» langsam aufs Ohr. Der Eine auf dem versifften Sofa, der Andere auf der verrotzten Matratze und irgendein anderer schläft mit Sicherheit auf dem Teppich unter dem kaputten Fernsehtischchen. In irgendeinem Zimmer wird derweil möglicherweise noch gefickt. Wer weiss das schon so genau. Ist ja aber auch egal. Nur gut, dass die bestellten Möbel vom Möbelhaus erst in einigen Tagen geliefert werden.
Mit der Zeit legt sich jedenfalls geisterhafte Stille über die Wohnung. Irgendwo schnarcht einer. Irgendwo furzt einer. Die Stille überwiegt jedoch. Die Stille überwiegt am Ort, wo wenige Stunden zuvor noch kräftig gesoffen, laut gefeiert und hemmungslos randaliert worden ist. So schleicht sich langsam die Realität wieder in einen Ort ein, an dem Raum und Zeit für eine kurze Zeit bedeutungslos geworden sind. Auf Boden und Tischen leere Bierdosen und Zigarettenstummel. In der Badewanne eine eingetrocknete Mischung bestehend aus Kotze und Urin. Hier ein verwaistes Kleidungsstück, dort einige Überbleibsel der Tischbombe. Und überall Konfetti. Woher es kam wird am nächsten Abend keiner mehr so recht wissen.
Ja der grosse Kater ist noch nicht da. Vorerst steckt noch jeder im komatösem Tiefschlaf. Einige erleben vielleicht fiebrige Träume, andere kotzen womöglich ins Kissen. So ist das dann eben. Erst später, beim Aufstehen, folgt dann der brummende Schädel, der ausgetrocknete Mund und der flaue Magen. Und mit ihnen die Frage nach gestern Nacht: Was ist hier bloss geschehen? Was habe ich bloss nach Mitternacht getan? Und wer zum Teufel hat den gesamten Inhalt des Blumentopfs im Treppenhaus verteilt? Jetzt mit nüchternem Blick und stechendem Schmerz in Kopf und Herz realisiert man: D’Party isch vrbi.
Gerade erst vor wenigen Tagen wurde mir einmal mehr bewusst, dass wir – unsere Gruppe – sich wohl in ebendiesem komatösem Tiefschlaf befindet. Vom grossen Kater sind wir aber nicht mehr weit entfernt. Ein Katzensprung bestenfalls. An gewissen Tagen kommt es mir zumindest so vor. Ja, das Älterwerden. Die Möglichkeit der baldigen Ernüchterung verbreitet in mir ein diffuses Gefühl von Unbehagen. Ernüchterung. Ja, das wäre dann wohl das Ende der legendären Partys, das wären dann vernünftige Jobs, geregelte Arbeitszeiten, langweilig werdende Kumpel und vor allem: Kinder. Die ganze Scheisse halt. Was dann noch bleibt, sind die Geschichten.
Die Geschichten, die dieses Leben jetzt schreibt. Man wird sie sich später immer und immer wieder erzählen. Die Geschichte vom besoffenen Homosexuellen, der allen «eis blase» wollte, sich in unseren Lift erleichterte und seinen Freund damit zur Verzweiflung trieb. Oder die Geschichte vom völlig zugedröhnten Russen, der splitternackt in den Flur unserer Wohnung pisste und sich mit allen prügeln wollte. Oder die Geschichte vom kranken Typen, der am Polyball irgendwelchen dämlichen Tussis seinen Günsel ins Gesicht streckte. Ja solche Geschichten werden bleiben und vermutlich sind wir alle derart wild auf derlei Geschichten, weil sie uns später einmal daran erinnern werden, dass wir gelebt haben, dass wir Zeiten von Sturm und Drang durchlebt haben, ja dass wir unsere Jugend voll ausgekostet und nichts verpasst haben.
In diesem Sinne Ja zur Masslosigkeit! Ja zum Suff! Ja zum Absturz und ja zum Kater! Ja zum Irrationalen! Ja zu Emotionen und letzendlich ja zu diesem schnellen und wilden Leben!
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6 Responses to Und am Ende bleiben die Geschichten
Monsieur Croche, sehr schön! Und es freut mich natürlich, dass meine Worte, ja mein Motto in diesem Text von Dir adaptiert wurde. Ich meine jetzt nicht konkret den Suff, sondern das JA. Mein Ja, Unser Ja, Das Ja. Sag Ja zu Dir selbst, sag Ja zum Leben.
jaja, ich weiss, alles nicht so schlimm. die identitätskrise hat mich für einen kurzen moment übermannt. dankeschön!
Ja Marc, du bist ein gutes Vorbild für unser aller. Besonders was das Frönen der fleischlichen Gelüste angeht
Ja da hast du recht! Ich liebe Fleisch.
du machst mir angst. manchmal habe ich das gefühl schon tot zu sein. und kotzen mag ich nicht.
Womit mache ich dir angst? Ich verstehe nicht gant…