Über die Liebe
The only obsession everyone wants: ‹love.› People think that in falling in love they make themselves whole? The Platonic union of souls? I think otherwise. I think you’re whole before you begin. And the love fractures you. You’re whole, and then you’re cracked open.
— Philip Roth, The Dying Animal
Es war zu Beginn der 5. Klasse, als ich mich für Mädchen zum ersten Mal zu interessieren begann. Und es fühlte sich genau so an, wie es Roth beschreibt. In der Zeit davor fühlte ich mich ganz. In mir existierte schlichtweg keine Sehnsucht oder das Gefühl, dass etwas fehlen würde. Mit meinen Kumpels spielte ich stundenlang Super Nintendo, kickte draussen auf dem Fussballplatz, bis es dunkel wurde oder wir schauten uns zusammen Horror-Filme an. Es war einfach das Grösste und alles was wir taten, taten wir voll und ganz und verschwendeten dabei keinen einzigen Gedanken an irgendein Mädchen, da diese für uns zu jener Zeit sowieso nur langweilig und doof waren
Und dann, ich weiss es noch genau, es war nach den Sommerferien, kam dieses eine Mädchen neu zu uns in die Klasse und ich konnte meine Augen nicht von ihr lassen. Und von da an begann alles. Dieses eine Gefühl, dieses Gefühl des mit sich selbst und der Welt im Einklang stehens, es war verschwunden. An seine Stelle trat eine mir bislang unbekannte Unruhe und kindliche Sehnsucht nach einem Ding, das ich damals noch nicht benennen konnte.
Dieses Ding war die Liebe. Es war seltsam und ungewohnt, es war aufregend und vor allem aber auch schien es unerreichbar zu sein. Nun, es sollte zumindest für einige darauf folgende Jahre auch unerreichbar bleiben. In der Oberstufenschulzeit bildeten sich um mich herum Pärchen, die wie ein Herz und eine Seele jede freie Minute miteinander verbrachten, sich romantische Geschenke machten und eins mit dieser Welt zu sein schienen. Ich hingegen war zunehmend eingeschüchtert und überfordert von diesem Ding.
Einige Male hatte ich mich ihm sorgfältig angenähert und mich daran fürchterlich verbrannt. Es schmerzte. Und es tauchten Fragen auf, die ich mir selbst nicht beantworten konnte. Gibt es sowas wie die bedingungslose Liebe oder trifft man die Liebe bloss in Gefolgschaft von Bedingungen an? Und überhaupt: Wie führt man eigentlich eine Beziehung?
Beziehungen. Ja. Ich habe einige hinter mir, aber was ich dabei empfand, lässt sich schwerlich als Liebe bezeichnen. Es konnte auch gar keine Liebe sein, weil ich mich in all jenen Beziehungen nicht so gab, wie ich war. 24 Jahre sollte es dauern, bis ich erstmals wirklich Liebe in einer Beziehung empfand. Das heisst aber noch lange nicht, dass ich wüsste, wie man eine Beziehung führt. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Liebe kommt die Angst vor dem Verlust der Liebe und mit der Angst kommt ganz sicher auch der Verlust der Liebe, denn sie setzt einem verschiedenste Flöhe ins Ohr, die einem allen nur erdenklichen Unsinn einzureden versuchen. Das Scheitern ist vorprogrammiert.
Ja, die Liebe. Roth scheint recht zu haben. Sie bricht dich in Stücke und reisst dich auseinander. Doch damit und ich weiss nicht, ob Roth auch an dies gedacht hat, verrät sie einem auch viel über sich selbst; sie zeigt auf, wo die eigenen Schwächen liegen und sie bietet Hand an, die Schwächen anzugehen. Am Ende braucht es bloss den Mut, sich wieder auf sie einzulassen und den Schmerz zu riskieren.
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4 Responses to Über die Liebe
ersetze die angst mit neugierde.
gez. eine alte angstneurotikerin
wunderbar geschrieben!
and the love fractures you.
genau so fühlt es sich gerade an. krass, dass ich gerade gebloggt habe und nun das lese…
@canela: ja du hast völlig Recht! Es dauerte lange, bis ich das selbst begriff und nun versuche ich es umzusetzen, obschon es bisweilen verdammt schwierig ist!
@Earny: Danke
@Joe: Die Liebe. Dieses Thema ist allgegenwärtig
Deshalb mag ich das Internet auch so; man findet Menschen, die sich mit den gleichen Themen rumschlagen