Monsieur Croche

21. November 2011

2 Comments

Über den Selbstzweifel

Vor kurzem unterhielt ich mich mit Meltem von musengefluester über Selbstzweifel. Im Laufe dieses Gesprächs sagte ich, dass es von Mut und Stärke zeuge, wenn sich jemand seinem Selbstzweifel stellen würde. Meltem sah das ein wenig anders; es sei zwar mutig, sich dem Selbstzweifel zu stellen, doch dabei dürfe man nicht bleiben. Zweifel müsse man zerstören, da sie sich sonst wie Läuse mehren und einen niederdrücken würden.

Was sie sagte, brachte mich ins Grübeln. Ich hatte gerade eine Vorlesung, aber konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren. Als die Vorlesung zu Ende war, verliess ich die Uni, um mich draussen auf eine Parkbank zu setzen und nachzudenken; es gibt viele Überzeugungen in mir, von denen ich gar nicht so recht weiss, woher sie rühren. «Selbstzweifel zeugt von Mut und Stärke» – woher kommt dieser Glaubenssatz? Ich legte mich auf die Parkbank, strekte mich und schloss die Augen. Gedanken- und Erinnerungsfetzen flitzen vor meinem inneren Auge vorbei; ich griff nach ihnen und versuchte sie in ein geordnetes Ganzes zu fügen.

Ich erkannte, dass der Selbstzweifel etwas war, dem ich zum ersten Mal in meinen Jugendjahren begegnete. Die Pubertät kam für mich damals irgendwie viel zu schnell und ich fühlte mich überfordert. Themen wie Markenklamotten, Mädchen und Musikgeschmack waren für mich neu und weckten in mir Zweifel. «Bin ich wie ich bin okay? Und was muss ich tun, damit mich die Andern mögen oder sich ein Mädchen gar in mich verliebt?» – dies waren ungefähr die Dinge, die mir der Zweifel damals einflüsterte.

Doch hätte ich mir selbst oder gar jemand anderem diese Zweifel jemals eingestanden? Natürlich nicht! Wie die Meisten in diesem Alter spielte ich den Obercoolen, der Coolness mit dem Löffel gefressen hatte. Ich tat Dinge wie Snowboarden oder Skaten, trug Baggy-Pants und sonst allerlei unpassende Sachen, um einfach mit dabei zu sein; ich war wohl ziemlich genau das, was man ein Mitläufer nennt ;)

An meinem 18. Geburtstag fasste ich den Beschluss, dass ich mein Leben ändern wollte. Es war eine trotzige Form der Emanzipation von meinem bisherigen Ich; ich wechselte meinen Freundeskreis, tat nur noch das, was mir wirklich gefiel und wurde brutal ehrlich gegenüber mir selbst. Es kostete mir zwar verdammt viel Mut, aber dann schliesslich liess ich den Selbstzweifel zu; er brach wie eine gewaltige Welle über mich herein und begrub mich während einer langen Zeit unter sich.

Es mussten Jahre vergehen, bis ich Selbstzweifel nicht mehr als Lösung des Problems verstand. Man kann sich seine Botschaft zwar anhören, doch am Ende muss man weitergehen und seinen eigenen Weg verfolgen.

Weshalb also sage ich, dass Selbstzweifel von Mut und Stärke zeugt? Zweierlei Antworten begannen sich herauszukristallieren. Zum Einen kostete es mich damals Mut, mir diese Zweifel einzugestehen und sie mir anzuhören, statt sie wie bisher zu verdrängen. Deshalb sind in meinen Augen auch andere mutig, welche sich ihre Selbstzweifel eingestehen oder diese gar äussern. Und zum Andern dämmerte mir, dass ich eigentlich was Anderes sagen wollte, doch nicht die richtigen Worte fand :) Ich wollte meinen Gefallen über tiefgründige Menschen kundtun. Tiefgründige Menschen sind für mich mutig und stark, da sie  zu denken wagen – denken kann manchmal schmerzen. Und Tiefgründigkeit entspringt zu einem guten Teil auch aus Selbstzweifel.

Selbstzweifel gehört zu einer denkenden und reflektiertem Person. Man kann ihn sich anhören, denn gelegentlich ist er ein guter Ratgeber. Doch in der Regel muss man ihn bei Seite schieben und sich wieder auf seinen Weg besinnen.

So war das. Ich erhob mich von der Parkbank und spazierte zufrieden mit ein wenig geordneteren Gedanken in die Nachmittagssonne hinein.

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2 Responses to Über den Selbstzweifel

  1. m. says:

    Sehr schön, ganz wunderbar wozu dieser kleine “Smalltalk” oder eher “sweet-deeptalk” Talk führte!

    “Ich wollte meinen Gefallen über tiefgründige Menschen kundtun. Tiefgründige Menschen sind für mich mutig und stark, da sie zu denken wagen – denken kann manchmal schmerzen. Und Tiefgründigkeit entspringt zu einem guten Teil auch aus Selbstzweifel.”

    Vielen Dank für diesen Eintrag!

  2. Monsieur Croche says:

    Ich danke dir! Ich fands eine tolle Idee von dir, dass du unser Gespräch auf deinem Blog thematisiert hast :)

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