Monsieur Croche

16. März 2011

3 Comments

Studieren in Lille?

Der Regen prasselte kalt und schwer auf meinen Kopf und die Stadt vor mir versank in einer Suppe grauen Nebels. Das ist also Lille. Eine trostlose Stadt irgendwo im Nordwesten Frankreichs. Eine ehemalige Industriestadt, die trotz protziger moderner Architektur noch immer nicht in der Moderne angekommen ist. Zu schwer wiegt das Erbe einer Zeit, als hier in grossen Fabrikhallen Textilien und Stahlträger für den Welthandel produziert worden sind.

Der Regen liess nicht nach und wurde vielmehr noch stärker. Zumindest schien es mir so oder vielleicht war es auch bloss ein Gefühl, das unter dem Eindruck des peitschenden Windes entstand. Wie sooft hatte ich nicht an den Regenschirm gedacht. An den gottverdammten Regenschirm! Und nun war ich irgendwo im Zentrum dieser verfluchten Stadt und irrte orientierungslos umher; auf der Suche nach einem Hotel, dessen Name mir aus unerfindlichen Gründen immer wieder entfiel.

Letztendlich war das aber alles auch egal. Denn ich war hier auf einer Mission; ich versuchte herauszufinden, ob ich mir in Lille ein Erasmus-Studium vorstellen könnte. Irgendwie will ich weg aus Zürich, aber irgendwie auch doch nicht. Indessen wanderte ich durch verregnete Strassen, kam an geschlossenen Läden und armen Menschen vorbei. Nun, Lille ist keine reiche Stadt. Was mir aber nicht wirklich etwas ausmacht – nein, ganz im Gegenteil; ich mag solche Städte. Sie erscheinen mir wahrhaftiger. Keine touristische Fassade, keine Weisseleien, sondern die Stadt selbst in ihrer blossen Essenz.

Lille bei Nacht

Dann irgendwann fand ich mein Hotel. Es befand sich ganz in der Nähe des Bahnhofes. Für einmal mehr rächte es sich, dass ich nicht sehr viel auf Reisevorbereitungen halte. Aber das war nun auch egal. Im Zimmer wartete ein weiches, französisches Bett auf mich. Ich liess mich auf selbiges fallen, woraufhin ich in einen tiefen, seeligen Schlaf fiel und erst wieder erwachte, als es draussen bereits eingedunkelt hatte.

Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust, nun nochmals nach draussen zu gehen. Der Hunger aber veranlasste mich trotzdem dazu, mich nochmals in jene nass-kalte Suppe zu begeben, welche sich wie ein gigantischer Schleimkloss über ganz Lille gelegt hatte. Unweit meines Hotels befand sich ein McDonald’s, den ich schliesslich aufsuchte, um ein wenig die hiesige Küche zu studieren.

Wieder zurück auf den Strassen Lilles dachte  ich einen Moment lang darüber nach, die Stadt bei Nacht ein wenig zu erkundschaften. Da mir die Kälte aber auf die Eier ging und ich schon wieder müde war, entschied ich mich für einen Rückzug ins Hotel. Dort lag ich dann einfach so auf dem Bett meines abgedunkelten Zimmers herum und verfolte die Lichtfetzen an den Wänden, die Autoscheinwerfer von draussen her in mein Zimmer projizierten. Dumpf vernahm ich das Gröhlen irgendwelcher Besoffener, welches sich mit dem ungewohnten Geräusch französischer Polizeisirenen vermengte. Ich entschlief.

Romantik des Verfalls

Den nächsten Tag begann ich für meine Verhältnisse erstaunlich früh. Ich weiss zwar nicht mehr genau, wie spät es war, aber es war sicherlich noch vor 10 Uhr, als ich das Hotel verliess. Ich machte mich ohne klares Ziel auf den Weg und begann die Stadt abzuwandern. Vorbei am Gare de Lille Flandres, vorbei an all den Punks und Randständigen, quer durch die Pflastersteinstrassen mit all den teuren Läden, die sich in allen grösseren Städten der Welt finden lassen, vorbei an in den 60er und 70er-Jahren begangenen Architektursünden, vorbei an prestigeträchtiger moderner Architektur und immer weiter entlang endlos gleich anmutenden Strassenzügen.

Lille Moulins

Je länger ich ging, und ich ging schon lange, desto trister wurden die Häuserzeilen. Eintönige und niedrige Backsteinhäuser reihten sich aneinander. Hier und da eine heruntergekommene Brasserie oder ein Waschsalon. Vielleicht sogar mal eine Döner-Bude. Ich begriff, dass ich nun im ehemaligen Arbeiterbezirk Moulins abgekommen sein musste. Gleichsam wurde mir bewusst, dass ich in der Nähe des Politikwissenschaftlichen Instituts sein musste, denn dieses befindet sich an der Porte de Valenciennes, an welcher ich soeben vorbeikam.

Ich navigierte einem dumpfen Instinkt folgend um die Häuserzeilen herum und wunderte mich nicht selten darüber, wie abgefuckt und heruntergekommen hier alles war. Dies soll aber nicht heissen, dass ich es nicht mochte. Leer stehende Fabrikgebäude übten schon seit je her eine eigenartige Faszination auf mich aus. Die Lust in mir war gross irgendwo durch ein zerschlagenes Fenster einzubrechen, aber ich unterliess es dann doch. Ich wollte mir in einem fremden Land keine Probleme aufhalsen.

Egal. Es kam auf jeden Fall irgendwann der Moment, an dem ich vor einer grossen Ziegelhausgebäude stand – ebenfalls eine ehemalige Fabrik – welches sich als  Institut d’études politiques de Lille zu erkennen gab. Ich spürte eine gewisse Enttäuschung in mir. Das hiesige Institut konnte auf keinen Fall mit dem Zürcher mithalten. Aber irgendwie schien es mir gleichsam auch dumm und vermessen einen solchen Vergleich zu ziehen. Schliesslich lebe ich ja in einer der reichsten Städte der Welt.

Lille Moulins bei Nacht

Eine Weile lang stand ich da und versuchte mir darüber im Klaren zu werden, ob ich hier studieren möchte oder nicht. Leider gelang mir dies nicht. Somit ging ich weiter. Vorbei an einem Lagerhaus, aus dem dumpfe Jazz-Musik tönte. Vorbei an einem erstaunlich modernen und so gar nicht hierhin passenden Möbelhaus. Vorbei an einem geöffneten Fenster, aus dessen Inneren der Geruch frisch gebratenen Fisches strömte. Ich ging vorbei an streunenden Hunden, gelangweilten Katzen und nach Futter suchenden Tauben. Ich sah dicke Menschen in zu grossen Pullovern. Sah verschlafene Studenten auf Fahrrädern, sah Menschen aus Kirchen strömen, sah Verkehrsunfälle, Männer in einem Coiffeursaloon, welche sich hässliche Frisuren schneiden liessen, sah dies und das und wusste doch nicht, wie ich über Lille denken sollte.

Auch heute noch bin ich mir darüber nicht im Klaren, ob ich in Lille studieren möchte. Vielleicht schon. Vielleicht aber auch nicht. Es wird sich zeigen.

This entry was posted in Leben and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

3 Responses to Studieren in Lille?

  1. madame says:

    hallo
    nochmal wegen deinem hostingmail: ich komme immer noch nicht dazu, dir adäquat zu antworten. ich bin im theater & matura-stress und ständig krank. aber ich versuche mich bald dazu zu “überwinden”!

    mme

  2. misch says:

    durchaus :) aber diese Veranstaltung ist eben nur einmal im Jahr und da wäre ich irgendwie schon gerne wieder dabei. Doch was nicht ist, ist nicht.

  3. Fibi says:

    Fantastische Einblicke, vielen Dank. Du verstehst es, dinge ins rechte Licht zu rücken.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>