Schicksalsorte
Beeinflusst der Ort, an dem man die ersten Jahre seines Lebens verbracht hat, das restliche Leben? Wird jener Ort zum Schicksalsort? Wenn ich mein Leben so betrachte und mir meine ersten Kindheitserinnerungen ins Gewissen rufe, so kann ich diese Frage mit einem «Ja» beantworten. So zieht sich die Melancholie wie ein roter Faden durch mein Leben und dessen Anfang ist gewissermassen eng verwoben mit der Webermühle; einem scheinbar tristen, an der Limmat gelegenen Wohnquartier im Zürcher Aggloraum. Wenn ich an diesen Ort denke, so tauchen vor meinem innern Auge immer wieder dieselben Filme auf, welche mich als Protagonisten in einer verzauberten Welt zeigen. Ich sehe eine Welt voller Bedeutung; den Dingen dieser Welt wohnte ein tieferer, mir unbekannter Sinn ein. Dinge geschahen, ganz ohne mein Wissens wie. Der von der Limmat her rührende Nebel umgab dieses Quartier oft wie wohlig-warme Wattebäusche; der Nebel war die sinnbildliche Entsprechung für den Schleier des Nichtwissens, in welchen mein kindlicher Verstand sanft gebettet war.
Ja der Nebel. In meinen Erinnerungen ist der Nebel omnipräsent. Er beschwor in mir stets das Gefühl sanfter Schwermut und Sehnsucht herauf. Diese rührte stets vom Gefühl des Verlusts; vom Gefühl des Verlusts eines anderen Lebens, eines früheren Lebens. Es erschien mir damals tatsächlich so, als hätte ich bereits einmal gelebt. Als hätte ich mich bereits einmal darauf zu schreiben verstanden. Als hätte ich bereits schon einmal ein Auto gelenkt. Als hätte ich bereits schon einmal geliebt. Und nun war dieses Leben plötzlich verschwunden; ohne, dass ich wissen würde, wohin und woher das Jetzige käme. Dennoch vermochte dies in mir keine Trauer zu wecken, denn ich war der festen Überzeugen, dieses Leben wieder finden zu können. Es würde nur irgendwo dort draussen liegen und ich würde es wiederfinden. Die Schrift, der Sinn, die Liebe. Irgendwo dort draussen. Irgendwann würde der Tag kommen, andem ich aufbrechen und es suchen werde.
Gleichsam wie die Jahre ins Land zogen, zogen meine Eltern und ich fort von diesem Quartier; fort um fortan in einer ländlicheren und grüneren Gemeinde zu leben. Es war ein Umzug, der mir nicht gut bekam. Mir fehlten die hohen Blockbauten, welche ich immerzu als grosse, mich beschützende Goliathfiguren wahrnahm. Mir fehlten die Baumalleen, der Fussballplatz, der Fluss; die ganze Welt, wie ich sie bis anhin kannte, verschwand in einem Moment. Und mit ihr verschwand auch der Zauber, den ich der Welt beimass. Doch etwas schwand nicht; es war das Gefühl wohliger Melancholie, die sich in diesen ersten Lebensjahren tief in mir eingebrannt hatte.
Es ist die grosse Frage, welche mich schon immer umtrieb: Was wäre ich heute für ein Mensch, wenn oder wenn nicht dies und dies geschehen wäre? Wäre ich heute derselbe Mensch, der ich bin, wäre ich nicht in diesem vom Nebel liebkosten Quartier aufgewachsen? Gewiss nicht. Und ich bin davon überzeugt, dass es keinen besseren Ort auf dieser Welt gäbe, an dem ich meine ersten Lebensjahre hätte verbringen können. Dieser Ort ist gewissermassen mein Schicksalsort; er hat mir eine Veranlagung geschenkt, welche mein Leben durch und durch prägt und meine Entscheide immer wieder auf’s Neue beeinflusst.
Die Suche nach dem verlorenen Leben geht indes weiter.
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