Die Aktualität von Seneca
Unsere Freiheit geht verloren, wenn wir nicht geringachten, was uns Zwang auferlegen will
Heute morgen schrieb ich die letzte Prüfung dieses Semesters und fand folglich endlich wieder etwas Zeit, um zu lesen. Weil es mir jemand empfahl, las ich sogleich Senecas’ «Vom glückseligen Leben». Soweit mir ist, las man dieses Werk früher üblicherweise an Gymnasien; an meiner Kanti hingegen erwarb ich diese «klassische Bildung» leider nicht. Aber wie dem auch sei, ich staunte nicht schlecht, wie aktuell Seneca doch in gewisser Weise immer noch ist.
Senecas’ Zeiten im alten Rom waren von Dekadenz geprägt; Vergnügen und Sinneslust waren für Viele Selbst- und Endzweck. Parallelen zur Gegenwart werden sichtbar; nicht gerade wenige Menschen richten ihr ganzes Leben auf den Erwerb und Konsum von Sinnesfreuden aus. Weshalb auch nicht? Denn “man lebt ja nur einmal!” Diese Menschen wählen bewusst eine Ausbildung, die ihnen ein hohes Einkommen garantiert. Wenn sie alsdann einmal gut verdienen, fröhnen sie einem aufwändigen Lebensstil: Ein grossflächiges Einfamilienhaus, deutsche Edelschlitten, teure Klamotten, Wochenendtrips in Grossstädte und sonst allerlei grosszügige Ausgaben.
Sehr schnell gewöhnen sie sich daran und werden abhängig vom ständigen Geldfluss. Der Job, der ihnen diesen Lebensstil ermöglicht, rückt schliesslich ins Zentrum ihres Lebens. Überstunden werden normal, Geschäftsreisen zum notwendigen Übel und manchmal müssen gar irgendwelche leistungssteigernden Drogen her. Man steckt alle Energie in den Job, um den Lebensstil aufrecht erhalten zu können. Der Preis dafür ist hoch: Die Gesundheit leidet darunter, Ehen kriseln und die unterschwellige Angst vor dem Statusverlust sitzt stets im Nacken.
Die angeschlagene Gesundheit versuchen Menschen dieses Typs dann mit Wellness-Urlaub zu kurieren, die Ehe mit Paartherapie zu retten und die Statusangst mit weiterem Konsum zu betäuben. Schon befindet man sich in einer Tretmühle, die sich um Einkommenserwerb und dessen Nebenwirkungen, Sedierung und die Notwendigkeit von weiterem Einkommen dreht. Seneca sagt hier, um mit der Jugendsprache zu sprechen, «hängs mal!». Man solle siche erst einmal fragen, welche Ziele man im Leben wirklich hat und ob man möglicherweise davon abgekommen ist. Die Befriedigung von Sinneslust könne kein Lebensinhalt sein, da sie ins Leere führt:
Die Sinnenlust aber erstirbt gerade dann, wenn sie auf dem Gipfel ist. Sie hat nicht viel Spielraum, darum ist sie bald zu Ende; sie wird lahm, wenn das erste Feuer erloschen ist, und wird dann zum Ekel.
Seneca argumentiert, dass man seine Freiheit gegen die Sinneslust eintauscht.
Wie der Jäger, der das Lager des Wildes aufspürt und sich freit, «mit Schlingen zu fangen das Wild» und «mit Hunden zu umstellen das grosse Waldgebirge», um ihre Spur zu verfolgen, alles hintansetzt und viele Geschäfte vernachlässigt, so vergisst auch der, der dem Vergnügen nachjagt, alles; selbst die Freiheit achtet er gering und opfert sich dem Bauche. Er erkauft sich nicht das Vergnügen, sondern er verkauft sich diesem.
Die Folgen davon sind:
Das Glück fängt nun an, zum Bedürfnis zu werden, und das ist die schlimmste Knechtschaft. Die Folge davon ist ein ängstliches, misstrauisches, zaghaftes, allerlei Zufälle und schlimme Wechsel des Geschicks fürchtendes Leben
Jedoch und das ist sympathisch an Seneca, wird er nicht den Verzicht auf jegliche Sinneslüste propagieren. Man solle die Momente geniessen, wenn das Schicksal mit einem gütig gestimmt ist. Jedoch solle man sich von diesem Glück nicht abhängig machen und solle stets darauf gefasst sein, dass aller Reichtum und Ehrbietungen schnell wieder verflogen sein können.
Diese denkweise gefällt mir persönlich enorm und bestärkt mich in der Entwicklung, die ich seit einiger Zeit durchlebe. Sicherlich ist Senecas’ Kritik der Wollust nicht neu. Wir alle wissen ja, dass Luxus an sich nicht wirklich etwas Erstrebenswertes ist. Dennoch lohnt es sich, einfach einmal dran zu bleiben und die eigenen Konsumgewohnheiten zu hinterfragen. Seneca hilft einem dabei das Auge für das wirklich notwendige zu schärfen und zu erkennen, wenn man vom Weg abkommt und seine Freiheit selbst zu untergraben beginnt.


