Die ganze Wahrheit hinter dem Rauchverbot
Der Walder Imbiss ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Er ist Treffpunkt aller Schichten. Hier treffen sich nichts taugende Studenten wie auch Strassenwischer, um gemeinsam zu dönieren. Und trotz unterschiedlichster Kulturen und zahlreicher menschlicher Tragödien, herrscht im Walder Imbiss stets eine gute Atmosphäre. Man grüsst und verabschiedet sich. Auch heute war das nicht anders. In der einen Ecke sass wie immer der #Toni, ein ungefähr 70-Jähriger Bauer. Wie immer hatte er seine Wollmütze tief in die Stirn gezogen und hüllte sich in seine warme, rot-blau-gestreifte Polyesterjacke, die wohl bereits älter als mancher Gast im Walder Imbiss ist. Und wie immer nippte Toni an seinem Bier und rauchte seine Zigarette.
Da mich die Blase drückte und ich so oder so auf meinen Döner warten musste, suchte ich für eine kurze Zeit das stille Örtchen auf. Als ich wieder zurück kam, hatte irgendetwas die beschauliche Idylle der einfachen Gemüter in Aufruhr versetzt. Der Toni schimpfte wie ein alter Wanderprediger. Ich verstand im ersten Moment kein Wort, denn der Toni hat eine Stimme, wie sie halt ein 70-Jähriger Raucher hat und er hatte eine sprachpräzision, wie sie halt ein 70-Jähriger hat, der mittlerweile beim vierten Bier angekommen ist.
Ich versuchte einen Sinn im Gelallten zu finden und klaubte deshalb Wortfetzen zusammen, die der Toni so von sich spuckte: «Tschinggen», «Rauchen», «Ich bin en Schwizer», «Saupack, verreise», «Lahni mer nüt säge vo dene». Toni hatte sich heissgeredet und reihte jegliche Schimpfwörter aneinander, die halt ein 70-Jähriger so kennt. Mir deuchte langsam, dass einer der anwesenden Italiener, vermutlich der Branco, dem Toni das Rauchen untersagen wollte. Aber der Toni, stolzer Eidgenosse, wollte sich von so einem wie dem Branco, nun aber sicherlich gar nichts sagen lassen.
Tonis Trinkkumpanen versuchten den Wildgewordenen zu bremsen, doch es gelang ihnen nicht. Munter lallte dieser weiter Unverständliches an Unverständliches. Das war im Nachhinein betrachtet auch gut so. Denn Toni verriet in einem klaren Moment ein Geheimnis, dessen Inhalt hochbrisant ist: «Nur wege dene huere Italiener-Politiker hämmer jetzt das Rauchverbot» — «Das sind alles Mafiosi. Jawoll» (laut zu Branco lallend und mit dem Finger auf ihn zeigend) «Mafiosi, hesch ghört? MAFIA»
Branco, der nur unwesentlich jünger als Toni ist, fühlte sich ertappt. Man sah es ihm an, denn er starrte Toni mit eisigem Blick an, hob langsam seinen Zeigefinger und platzierte in drohend vor seinem gespitzten Mund. Mir wurde langsam richtig unwohl und ich spürte, wie die Angst in mir hoch kroch. Es war High Noon in Wald und ich stand mitten in der Schusslinie. Man muss sich das einmal vorstellen – hier wurde gerade ein Geheimnis gelüftet, das nachhaltig die ganze Classe Politique erschüttern dürfte: Die Zigaretten schmuggelnde Mafia hat in der Schweiz dafür gesorgt, dass in Zürcher Restaurants nicht mehr geraucht werden darf. Toni, der einfache Bauer von nebenan, entpuppte sich als scharfsinniger Politbeobachter, der die ganze Wahrheit hinter dem Rauchverbot erkannt hatte. Und nun fand er auch noch den Mut, den dafür verantwortlichen Mafioso in aller Öffentlichkeit zu denunzieren.
In der Luft lag der Duft des Todes und er wehte definitiv nicht vom Dönertier her. Ich fürchtete wirklich um mein Leben, knallte einen Zehner auf den Tresen und verschwand so rasch es nur ging!