Monsieur Croche

27. Januar 2010

3 Comments

Die ganze Wahrheit hinter dem Rauchverbot

Der Walder Imbiss ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Er ist Treffpunkt aller Schichten. Hier treffen sich nichts taugende Studenten wie auch Strassenwischer, um gemeinsam zu dönieren. Und trotz unterschiedlichster Kulturen und zahlreicher menschlicher Tragödien, herrscht im Walder Imbiss stets eine gute Atmosphäre. Man grüsst und verabschiedet sich. Auch heute war das nicht anders. In der einen Ecke sass wie immer der #Toni, ein ungefähr 70-Jähriger Bauer. Wie immer hatte er seine Wollmütze tief in die Stirn gezogen und hüllte sich in seine warme, rot-blau-gestreifte Polyesterjacke, die wohl bereits älter als mancher Gast im Walder Imbiss ist. Und wie immer nippte Toni an seinem Bier und rauchte seine Zigarette.

Da mich die Blase drückte und ich so oder so auf meinen Döner warten musste, suchte ich für eine kurze Zeit das stille Örtchen auf. Als ich wieder zurück kam, hatte irgendetwas die beschauliche Idylle der einfachen Gemüter in Aufruhr versetzt. Der Toni schimpfte wie ein alter Wanderprediger. Ich verstand im ersten Moment kein Wort, denn der Toni hat eine Stimme, wie sie halt ein 70-Jähriger Raucher hat und er hatte eine sprachpräzision, wie sie halt ein 70-Jähriger hat, der mittlerweile beim vierten Bier angekommen ist.

Ich versuchte einen Sinn im Gelallten zu finden und klaubte deshalb Wortfetzen zusammen, die der Toni so von sich spuckte: «Tschinggen», «Rauchen», «Ich bin en Schwizer», «Saupack, verreise», «Lahni mer nüt säge vo dene». Toni hatte sich heissgeredet und reihte jegliche Schimpfwörter aneinander, die halt ein 70-Jähriger so kennt. Mir deuchte langsam, dass einer der anwesenden Italiener, vermutlich der Branco, dem Toni das Rauchen untersagen wollte. Aber der Toni, stolzer Eidgenosse, wollte sich von so einem wie dem Branco, nun aber sicherlich gar nichts sagen lassen.

Tonis Trinkkumpanen versuchten den Wildgewordenen zu bremsen, doch es gelang ihnen nicht. Munter lallte dieser weiter Unverständliches an Unverständliches. Das war im Nachhinein betrachtet auch gut so. Denn Toni verriet in einem klaren Moment ein Geheimnis, dessen Inhalt hochbrisant ist: «Nur wege dene huere Italiener-Politiker hämmer jetzt das Rauchverbot» — «Das sind alles Mafiosi. Jawoll» (laut zu Branco lallend und mit dem Finger auf ihn zeigend) «Mafiosi, hesch ghört? MAFIA»

Branco, der nur unwesentlich jünger als Toni ist, fühlte sich ertappt. Man sah es ihm an, denn er starrte Toni mit eisigem Blick an, hob langsam seinen Zeigefinger und platzierte in drohend vor seinem gespitzten Mund. Mir wurde langsam richtig unwohl und ich spürte, wie die Angst in mir hoch kroch. Es war High Noon in Wald und ich stand mitten in der Schusslinie. Man muss sich das einmal vorstellen – hier wurde gerade ein Geheimnis gelüftet, das nachhaltig die ganze Classe Politique erschüttern dürfte: Die Zigaretten schmuggelnde Mafia hat in der Schweiz dafür gesorgt, dass in Zürcher Restaurants nicht mehr geraucht werden darf. Toni, der einfache Bauer von nebenan, entpuppte sich als scharfsinniger Politbeobachter, der die ganze Wahrheit hinter dem Rauchverbot erkannt hatte. Und nun fand er auch noch den Mut, den dafür verantwortlichen Mafioso in aller Öffentlichkeit zu denunzieren.

In der Luft lag der Duft des Todes und er wehte definitiv nicht vom Dönertier her. Ich fürchtete wirklich um mein Leben, knallte einen Zehner auf den Tresen und verschwand so rasch es nur ging!

25. Januar 2010

1 Comment

Es heißt
ein Dichter
ist einer
der Worte
zusammenfügt

Das stimmt nicht

Ein Dichter
ist einer
den Worte
noch halbwegs
zusammenfügen

wenn er Glück hat

Wenn er Unglück hat
reißen die Worte
ihn auseinander

— Erich Fried (Fügungen)

via rosarot

6 Comments

Ficken und Scheissen

Das mit dem Ficken und so ist in meiner Generation ein grosses Thema. Besonders unter der NEON-lesenden Studifraktion. Gegenseitig versichert man sich da immer wieder, dass man sexuell total aufgeschlossen sei; «Weisch ich chan völlig offe über Sex rede, da hani überhaupt keis Problem demit» oder «Geschter han ich sooo geile Sex gha! Hey und ich rede da gern drüber, wil ich lebe mini Sexualität ebe voll uus!»

Recht habt ihr! Denn das ist cool, das ist rebellisch, das haben unsere Eltern noch nicht getan und das ist Steinewerfen im 21. Jahrhundert! Aber Tittenfotos auf Tumblr publizieren, ja das ist das Non-Plus-Ultra. Das ist 3er BMW mit lauter Musik fahren, das ist Pilotenbrilletragen und das ist, wenn Mädchen sich im Club knutschen. DAS nenn’ ich Rock’n'Roll. Und am Besten geht’s, wenn einem alle zurufen, dass man doch SEX oder FICKEN schreien soll. Das tun dann nur wahre Grossstadt-Rebellen.

Im grossen Kanton soll das nun aber bald Geschichte sein. Jedenfalls im Internet. Da wollen die dummen Politiker nämlich Titten und Ärsche für Jugendliche sperren. Mein Lieblings-Szeni-Blog beschwört deshalb bereits seinen eigenen Untergang. Das ist grausam und dann bräuchte man neue Gesprächsthemen. Ich habe jedoch bereits einen Vorschlag: «Scheisse». Sprecht über euren Kot: «Weisch gester han ich en total härte Schissdreck gha. Nei da han ich kei Problem zum drüber rede» oder fotografiert euren Dünnschiss, eröffnet Tumblr-Blogs und ladet dort die Bilder hoch. Das ist cool, das ist hip, das ist rebellisch und es ist vor allem völlig natürlich, wie das Ficken.

Um irgendwelche Fragen bereits im Vorhinein zu klären: Ja, ich bin natürlich sexuell frustriert, hab’ keine Freunde und bin höchst wahrscheinlich auch noch Jungfrau.

24. Januar 2010

Leave a comment

Generation Kotz-Dich-Voll

Der Song ist toll und treffend. Eine stümperhafte Diagnose aller Krankheiten und Psychosen, an welcher meine Generation leidet, erspar ich mir. Meine Generation ist genauso geil wie gestört.

Das ist lass den Korn rumgehen,
Handy nehmen, Pornos drehen, Gangbang Szenen
aus Langeweile bis an die Grenzen gehen
Rumhängen dumm quatschen aufmucken rumatzen,
durchdrehen aus Frust auf die Welt jemanden umklatschen
Sieh dir die Jugend an wie die Medien sie verteufeln
Blick in die Städte wo aus Fenstern die Fernseher leuchten
Blick auf all die Deutschen in den kleinen warmen Häuschen
Die mit den satten Bäuchen die sich ständig selber täuschen
Im reichsten Land der Welt wo kein Arsch zufrieden ist
mit dem was er hat weil ein jeder hier zu gierig ist
In dem gleichen Land wo die Moral so verdreht ist,
ihre Werte heissen Porsche, BMW und Mercedes

Sie nehmen dir deine Jugend, du hast keine Jugend
Halbstarke,Alkfahne so leicht einzustufen
Sie nehmen dir deine Jugend , du hast keine Jugend
Halfzware alles drin in einem song von 3 Minuten

Das ist Flatrate Saufen , in den Backstage laufen
Pfund Skunk kaufen gleich das ganze Pack weg rauchen
Das ist Euphorie im Lichtertunnel , das ist Farben sehn
Fenster auf Mucke laut, Runden im geklauten Wagen drehn
Stummel aus dem Fenster schnippen,trauern wenn die beste Freundin ernst macht und schließlich damit anfängt sich längst zu ritzen
das ist mit ihren Eltern in der Notaufnahme sitzen,
wo die beiden Kokanasen nur von sich und über Porschefahren über ihren nächsten Schuss Botox sprachen,während die eigene Tochter nebenan im Koma lag.
Das ist Myspace, Top Friends und ICQ
das ist kein bock haben auf irgendein scheiss Beruf
Auf den Schultern keine Engel sitzen, neongelber Palischal
Schwachsinn reden, Absinth heben, Kreuzberg Zyankali Bar
Die Mädels schminken ihre Augen dunkel, fallen auf,
doch im Club da sind alle drauf, rauf und sie tauchen unter

Das ist zu seim’ Kumpel kommen, die Wohnungstür ist unverschlossen,
mitten in seim Wohnzimmer hat er sich in sein Mund geschossen,
Tapete voll, sein letzter Gruß rot auf weiß,
deine Lippen wiederholen das Echo seines Todesschreis
Das ist wenn die Eltern meinen,
mit ein bisschen Geldverteilen
ham sie dann genug getan
du stolperst in die Welt hinein und deine Chucks rutschen aus,
in dem Schlamm und Matsch
in der Welt die die Generation vor dir verschandelt hat.
Das ist mit ganzer Kraft dagegen zu halten,
das ist mit Liquids deinen Schädel zu spalten,
das ist versuchen mal ein Mädel zu halten,
das ist Rebell sein aus Prinzip. Das ist Neopunk,
das ist nix blicken rennen in die Nebelwand!
Das ist mit dem Messer spielen,
aufwachen beim Ticker und beim gehn die letzen Reste ziehen,
Schlägereien auf Tilidin
Das ist auf den Boxsack hauen,
das ist ihm die Hoffnung klauen
das ist alles fühlt sich nur noch an wie ein bekloppter Traum

23. Januar 2010

1 Comment

Buchkritik: Statusangst (Alain de Botton)


StatusAngst
Alain de Botton
Fischer, 2004
332 Seiten, gebunden
ISBN 978-3100463203
Bei Amazon kaufen

Die Sucht nach Anerkennung und Ehrfurcht existiert mindestens schon seit der Antike. Und auch mich hat sie nicht verschon – immer mal wieder ertappe ich mich dabei, wie ich andere um deren Besitz und Erfolg beneide. Die Frage nach dem Warum stelle ich mir im Alltag hingegen nur selten. So ist es nur gut und billig, dass sich einer einmal vertieft mit den Ursachen der Statusangst, dem Neid und der Unsicherheit auseinandergesetzt hat.

Alain de Botton führt den Leser in einem ersten Teil seines Grossessays StatusAngst durch unterschiedliche Epochen der Geschichte und zeigt, dass eines immer schon galt: Ein gesundes Bedürfnis nach Status vermag uns anzutreiben und weckt in uns die Schaffenskraft. Doch übertriebener Ehrgeiz und massloser Neid vergiften unser Gemüt und machen uns für uns selbst blind.

In einem zweiten Teil des Essays schildert de Botton unterschiedliche Bewältigungsformen, wie sie Philosophie, Kunst, Christentum oder die Bohème in Sachen Statusangst bieten. Besonders die in gewisser Weise demütigende Sichtweise des Christentums in Bezug auf den Tod relativiert den Sinn von allem und damit auch den Nutzen von Status:

Den Weisen, den König, den Eroberer,
Sie alle demütigt der Tod.
Warum die Mühsal für den Triumph der Stunde?
Mögen wir schwelgen in Reichtum und Ruhm,
Die Endstation der Erde lautet doch: »Hier ruhet er.«
Und »Staub zu Staub« beschliesst ihr hehrstes Lied.
— Edward Young (1742): Nachtgedanken

In Zeiten von Neid und Unbehagen rufe ich mir dies wieder in Erinnerung – es vermag mich auf den Boden der Tatsachen zurück zu bringen und ermöglicht mir eine klare Sicht auf die Dinge, die wirklich entscheidend sind.

Obschon einige Rezensenten de Bottons’ Buch zerrissen haben, las ich es gerne und konnte abschalten. StatusAngst ist Alltagsphilosophie und Lebenshilfe im Schongang. Es eignet sich gleichsam für Vielleser, wie auch für Lesemuffel, denn es liest sich sehr flüssig und wird immer wieder durch de Bottons lustige Anekdoten bereichert. Wer sich vom Buch eine Schritt für Schritt Anleitung beim Lösen seiner Statusängste erhofft, wird jedoch enttäuscht werden. Denn de Botton gibt nur Hilfestellungen. Um sein Leben zu ändern, muss der Leser weiterhin hart an sich selbst arbeiten.

Über den Autor

Alain de Botton wurde in 1969 in Zürich geboren und lebt nun in London. de Botton studierte Geschichte und Philosophie an der Universität Cambridge. Er ist Autor zahlreicher Essays, die im Bereich Alltagsphilosophie eingeordnet werden können. Seine Themen sind Liebe, Reisen, Architektur und Literatur. Seine Bücher waren bisher Bestseller in 30 Ländern.

Bewertung

Stil & Lesbarkeit: [Rating:5/6]
Nützlichkeit: [Rating:4.5/6]
Unterhaltungswert: [Rating:4/6]

Gesamteindruck: [Rating:4.5/6]

Dieses Buch kaufen

Hat dir meine Buchkritik gefallen und spielst du mit dem Gedanken dir dieses Buch zu kaufen? Dann kauf das Buch doch über diesen Amazon-Link. Dank Amazons’ Partnerprogramm würdest du mich damit indirekt finanziell unterstützen und mir als Not leidenden Studenten eine grosse Freude bereiten ;)

21. Januar 2010

4 Comments

Mein kurzes Gastspiel bei Reutax

Manchmal, wenn sich auf meinem Konto wieder gähnende Leere breit zu machen beginnt, taucht diese unvermeidbare Frage auf; soll ich mir einen zusätzlichen Job suchen? Noch während ich mir diese Frage stelle, durchfährt mich meist ein Schaudern. Ich erinnere mich an meine letzte Festanstellung bei Reutax, die ich nach gerade einmal einem Monat gekündigt habe.

Rückblickend gesehen, bin ich ein wenig stolz auf mich, dass ich so konsequent gehandelt habe. Damals. Im letzten Sommer. Ich sollte Teilzeit als Werkstudent 40 Prozent arbeiten, bei einem Gehalt von zu Beginn 22.- und nach der Probezeit 25.- auf die Stunde. Im Grunde genommen angemessen für einen Studentenjob, obschon es auch nicht gerade viel war. Meine Tätigkeit bestand grosso modo darin, IT-Spezialisten zu finden, die temporär bei einem Kunden Projekte verrichten würden. Dazu klappert man eine Datenbank ab, sucht nach passenden Spezialisten und telefoniert sie alle durch. Wenn der Tag gut verläuft, findet man am Abend jemanden, der beim Projekt mitarbeiten möchte. Lief der Tag hingegen schlecht, tat man nichts Anderes, als immer wieder denselben Satz runterzuleiern: “Guten Tag hier ist Böhlimaa von der Firma Sowieso. Ich suche IT-Spezialisten, die sich mit Blabla-Programmierung auskennen…es geht um ein Projekt in Zürich, das 3 Monate dauert. Hätten sie Interesse?” Und dann war es natürlich wichtig, den Kunden für einen möglichst niedrigen Stundenlohn anzuheuern. Man sollte dann noch mit den Spezialisten verhandeln: “Ich kann ihnen dafür leider nur 100.- pro Stunde geben. Mehr ist der Kunde leider nicht bereit zu zahlen”.

Ich mag mich noch gut erinnern, wie ich nach einem solchen Arbeitstag völlig ausgelaugt und verschwitzt nach Hause kam und von gar nichts mehr etwas wissen wollte. Der Job frustrierte mich schon bald und die Tatsache, dass ich Montags arbeiten musste, konnte mir ein ganzes Wochenende vermiesen.

Dann, an einem dieser verhassten Montage, riss bei mir der Geduldfaden. Ich hatte von einem Vorgesetzten die Vorgabe erhalten, einen Spezialisten für 90.- pro Stunde anzuheuern. Das Glück schien mir an diesem Tag hold. Jedenfalls fand ich einen passenden Spezialisten, der jedoch nur bereit war, für über 110.- auf die Stunde zu arbeiten. Zu viel. Deshalb sagte ich dem Spezialisten ab. Eine in der Hackordnung weiter oben stehende Mitarbeiterin hörte dies und fragte schnippisch: “Warum hast du dem jetzt abgesagt?” Ich antwortete ihr, dass mir mein Vorgesetzter diese Limite von 90.- gesetzt hätte. “Neeeeein, das ist nur so, dass du das zuerst so probieren solltest. Jetzt ruf dem nochmals an und sag ihm es sei gut”. Etwas angeschissen rief ich den Spezialisten nochmals an und teilte ihm mit, dass es doch in Ordnung ginge. 110.- also.

Dann, ich wähnte mich im falschen Film, folgte wiederum eine giftelnde Belehrung: “Warum gibst du ihm nun 110? Du hättest ihm einfach mehr als 90 geben und ihn nehmen sollen”. Es wurde mir irgendwie zu dumm und ich fragte sie, weshalb sie sich nicht von Beginn weg klar ausdrücke. Ehe sie antworten konnte, trat der Chef dazwischen. Er wollte wissen, was hier los sei. Ich erklärte ihm, dass ich sicherlich nicht ein drittes Mal anrufen und mich zum Affen machen würde – nur weil sich meine Vorgesetzten nicht klar ausdrücken können. “Ruf nochmals an und sag dem jetzt einfach, dass der Kunde sich nochmals gemeldet hat und dass ihm 110.- doch zu viel seien”. “Wieso jetzt? Der Kunde hat das ja gar nicht gesagt?!” fragte ich etwas verdutzt. “Ja, aber du musst halt manchmal ein wenig flunkern in diesem Business”, meinte der Chef süffisant und schien sich dabei sehr in der Rolle des mit allen Wassern gewaschenen Verhandlungstyps zu gefallen.

Die Sache war für mich somit gelaufen. Ich dachte mir, dass die sich einen andern Dummen suchen sollen. Ich nahm den Hörer, sagte dem Typen, was der Chef mir vorgab, packte meine Sachen und ging nach Hause. Zwei Tage später schickte ich der Firma meine Kündigung.