Vortrag Alex Demirovic
Ich sitze wohne im besetzten Saal gerade am Vortrag des deutschen Politikwissenschaftlers Alex Demirovic bei. Da es schnell geht, der Stoff hier stichwortartig, mit laufenden Updates.
Demirovic erachten den Protest als wertvoll, da Studierende während Demonstration die Wissenschaft selbst kritisch hinterfragen. Proteste seien Form, um aus Situationen der alltäglichen Routine rauszutreten. Auch um zu überprüfen, ob das, was wir hier machen, überhaupt noch wissenschaftlich ist oder vertechnokratisierte Wissenschaft.
Eigene Reflexionen sind wichtig, dazu gehören für Studenten, wie auch für Hochschullehrer bessere Finanzierung und Mitspracherecht. Einfluss der Privatwirtschaft auf die Wissenschaft: An der Uni Zürich hat es zum Glück nicht so viele Stiftungsprofessuren, wie bspw. in Frankfurt. Bei Stiftungsprofessuren verpflichtet sich die Uni jene Professoren zu übernehmen (und zu bezahlen), wenn Stiftungsgelder für sie ausgeloffen sind. Deshalb gibt es massenweise Professuren, die sich mit Finanzmarktpolitik oder Deregulierungen beschäftigen, aber praktisch keine, die kritisches Wissen erschaffen. “Wissen für die Oberen, aber kein kritisches Wissen für die von unten”.
Hochschulräte sind verantwortlich für die Richtung der Uni. Jene werden von Politik gewählt. Problematisch, dass viele Hochschulräte Vertreter von Wirtschaft und Finanz sind. Hochschulräte wollen, dass die Wissenschaft dem Standort dient und Vorteile schafft. Darum Entwicklung von Studiengängen, die sie auf Weltmärkten verkaufen können für teure Studiengebühren. Möglichkeiten wissenschaftlich zu arbeiten, Musse zu haben, kritisch über Dinge nachzudenken, wird verstellt durch ökonomisierte Studiengänge. Stichwort “Unternehmerische Universität”. Dies gehört zum Bologna-Prozess wesentlich dazu.
Zürichs Situation sei im Vergleich zu Wien immer noch privilegiert. Dort gibt es für Zugang zum Master Einschränkungen. D.h. nur eine bestimmte Quote wird zum Master-Studiengang zugelassen. In Zürich hat man das glücklicherweise noch nicht. Es besteht aber durchaus Gefahr, dass das auf uns zukommt. Wir können dies verhindern, indem wir unsere wissenschaftliche Möglichkeiten verteidigen. Es tue für das CH-Selbstverständnis dringend not, dass wir in verwissenschaftlichten Gesellschaft leben und dass wir der Wissenschaft mehr Raum einräumen. Wissenschaft soll zur kritischen Gestaltung der Gesellschaft mehr beitragen.
Fragen & Antworten
Q: Gab es mit dem Lizenziat nicht auch Schwierigkeiten? Welches ist das Bessere System?
A: Er fand Reformen ebenfalls notwendig, er findet die Schaffung eines europäischen Raumes auch nicht schlecht. Jetzt hat aber jede Uni ihren eigener Bachelor mit verschiedenen Schwerpunkten, die darum nicht miteinander kompatibel sind. Situation hat sich in dieser Hinsicht nicht verbessert. Reform ist technokratisch. Aus heutiger Sicht müsste man überlegen, in welche Richtung man weitergehen will. Man hat keine akademische Freiheit, wenn man andauernd Prüfungen schreiben muss. In seinen Vorlesungen interessiert die Studierende nur, was für Klausur relevant ist. Wenn man stets unter Druck steht, was geprüft werden könnte, so macht dies unfrei. Man hat so keine Zeit zum kritischen Nachdenken. Das ist verhereend, denn es wird zum Privileg weniger amerikanischer Universitäten, wo Studenten reicher Eltern Zeit zum Nachdenken finden.
Empfehlung an Studenten mit Professoren zu kooperieren, denn viele Hochschullehrer fänden Bologna ebenfalls “mies”. Viele bewerten Entwicklung ebenfalls als negativ.
Q: Was ist Einfluss des Lisabonner-Prozesses (EU) auf die Bologna-Reform? Was heisst das für CH?
A: Für CH könne er das nicht genau sagen. CH mache jedoch viele der EU-Entwicklungen ebenfalls mit. Neoliberalisierung sei in CH stärker als in BRD. Man will europäischen Hochschulraum wettbewerbsfähig gestalten, dazu gehört auch CH. EU versucht in dieser Hinsicht durchaus eigene Wege zu gehen, um profilorientierte Hochschultypen zu schaffen, die miteinander im Wettbewerb stehen. “Dass Wissenschaften ganz eng an ökonomische Prozesse angepasst werden”. Doch selbst aus liberaler Sicht kann sich dann das Problem ergeben, dass Universitäten zu einseitig in gewisser Weise werden und dadurch im Wettbewerb schwächer werden.
Q: Was ist mit Joint-Venture von ETH und Uni Basel gemeint? Warum haben sie davon gesprochen? Sind solche Joint-Ventures nicht gut?
A: Doch doch, ich wollte damit nur zeigen, dass in Politik Willen da ist, Geld zu spenden, wenn es wirtschaftlichen Nutzen bringt. Da wurde sehr viel Geld aufgebracht für Life Sciences. Das ist ganz Industrienah, wegen der Forschung in Chemie.
Q: Weitere Frage zur Ökonomisierung. Heute hat Christoph Wehrli (NZZ) darauf hingewiesen, dass Ökonomisierung nicht stattfinde, da Studentenzahl bei Geisteswissenschaften weiterhin wächst. Aber Ökonomisierung findet doch auch im Denken statt. Wie kann man diese Tendenzen in Worte fassen, die auch Nichtstudenten verstehen?
A: Schwierige Frage. Man sollte Geisteswissenschaften nicht gegen Ökonomie ausspielen. Als ob das Eine das Gute und das Andere das Böse ist. Möglichkeit Wissen zu erarbeiten ist etwas Verantwortungsvolles. Man muss als Student auch lernen, sich den harten ökonomischen Gegebenheiten zu stellen und zu akzeptieren, dass andere draussen hart arbeiten, während wir hier drinnen studieren. Das Schlimme ist aber nun, dass mit Ökonomisierung dieses Privileg verloren geht. Die Möglichkeit wissenschaftliche Erfahrung zu sammeln und sich dafür Zeit zu lassen, wird damit verstümmelt. Damit wird den Forschenden/Studierenden die Möglichkeit genommen, den Arbeitenden Menschen beizustehen und eine Veränderung zu schaffen. Wichtig wäre es zudem, das in Uni erarbeitete Wissen (Umweltverschmutzung, Ökologie, etc.) viel mehr an Öffentlichkeit zu tragen.
Q: Eine Professorin habe sich heute solidarisch mit Besetzern erklärt, aber sie wollte sich nicht exponieren und mitmachen. Sie exponieren sich sehr, haben sie schon einmal Probleme deswegen gekriegt?
A: Ja! Ganze viele Probleme (lacht). Sei komplizierte Situation. Will sich nicht zum Heroen machen. Das koste halt seinen Preis. Aus versch. Gründen ging er dieses Risiko ein. Findet Leute seien an manchen Positionen zu vorsichtig, andererseits entstehen Personen dadurch auch viele viele Nachteile im Alltag. Diese seien im Kleinen, aber auch u.U. im Grossen umständlich. Bspw. Misstrauen bei Kollegen, dass man sowieso parteiisch oder tendenziös sei. Da bekommt man möglicherweise keine Gelder oder weniger für Forschung. Viele kleine Schikanen. Man bekommt so leicht das Gefühl, dass man nicht nur sich selbst, sondern der Sache schadet. Man kommt ins Nachdenken. Man müsse sehen, dass viele Wissenschaftler naiv seien und einfach ihre Wissenschaft machen wollen und zu wenig kritisch seien. Viele Wissenschaftler arbeiten mit Verständnis, dass sie wissensneutral arbeiten müssen. Er aber sei mehr von kritischer Theorie geprägt und von Foucault. So könne man besser sagen, dass man sich dazu äussere.
Q: Inwieweit unterscheiden sich jetzige Proteste von üblichen?
A: Ist kompliziert. Da kommen wir in das Problem rein, das Herr Fischer vorhin benutzt hat, um sie zu delegitimieren. Sie sind hier im Saal eine Minderheit und sind nicht representativ. In Berlin gibt es viele, die die Dinge aussprechen, die aber auch wie ihr hier, eine kleine Minderheit sind. In Berlin kommen zu Demo 5000 Leute (im Vergleich zu 3,5 Mio Berliner). Da kommen viele Erstsemestrige, ohne grosse Erfahrung. Rund 400-500 Studenten. Da kann man fragen, “na wer sind sie denn? Wer repräsentieren sie?” Sie sind Vertreter eines Problems, sie vertreten eine grosse, schweigende Minderheit, die gar nicht begreift, dass sie Probleme haben.
So niedrig war das politische Interesse in Deutschland noch nie. Es ist keine gute Situation (nummerisch gesprochen). Studenten dürfen aber nicht nur fordern “wir wollen keine Studiengebühren” – das ist zu wenig. Lange Zeit waren Demos nur hierauf beschränkt, aber jetzt geht es um weitere Fragen. Da wäre es jetzt gut, wenn die einzelnen Studierenden der europäische Unis zusammenkommen würden und dies besprechen würden. Sie können den europ. Raum mitbestimmen. Es ist ihre, wie auch meine Zukunft. Da ist Handlungsbedarf und viel Diskussionsbedarf. Ich sehe das, was sie tun, als eine Initiative, um Diskussionen anzustossen. Es wirkt.
Q: Sind unsere tausend Probleme alle im Kapitalismus lösbar? Sollen wir nicht gegen den Kapitalismus kämpfen?
A: Jaja, aber so bringt das nicht so viel. Aus dem konkreten Prozess hinaus müsse wir sehen, wie wir diese Schritte machen. Durch die Veränderung im Konkreten kommen wir langsam zum Fernsten.
Q: Glauben sie, dass es möglich ist, in dieser Bewegung eine gesamtgesellschaftlichen Anspruch zu stellen?
A: Ja, sie haben schon recht, aber wir können nicht alles zusammen fordern. Für einen Ägyptologen ist es z.B. nicht relevant, dass es eine halbe Million Working-Poor in der Schweiz gibt. Da gibt es fachliche Gesichtspunkte. Es gehört auch zur Wissenschaft sich auch auf etwas konzentrieren zu dürfen, was nicht direkt etwas der Gesellschaft bringt. Man muss da nicht sofort immer moralische Massstäbe ansetzen.
