Ich lebe Zürich nicht
Die naiven Vorstellungen, mit denen ich Zürich noch vor einigen Monaten in Verbindung brachte, sind mittlerweile überholt. Sie sind stattdessen der Gewissheit gewichen, dass Zürich mich überfordert. Diese Stadt bietet zwar vieles an, aber man muss es sich jeweils auch selbst holen. Sie bringt einem nichts entgegen. Einem wie mir, der es gewohnt ist, die Dinge auf sich zukommen zu lassen und langsam mit ihnen Bekanntschaft zu schliessen, bleibt sie fremd und unbekömmlich. Hier reiht sich Haus an Haus, Geschäft an Geschäft, Lokal an Lokal. Die dahinterstehenden Geschichten bleiben einem verborgen. Zürich, heisst es, sei landesweit, ja sogar international für sein kulturelles Angebot bekannt. Nur sehe ich hiervon wenig. Ich lebe in einer Parallelwelt der kulturellen Einöde, der zersetzenden Anonymität und des geistigen Wachkomazustands. Nein, einer der Zürich lebt, sieht definitiv anders aus. Der Grund liegt darin, dass ich mich schlicht und einfach mit den Möglichkeiten dieser Stadt nicht auseinandersetze. Nicht auseinandersetzen kann. Denn die schiere Auswahl überfordert mich. Ich bin wie einer, der im Kaufhaus hilflos vor einem übergrossen Regal steht und sich ob der grossen Markenvielfalt nicht entscheiden kann. Für die geborenen Entdecker mag diese Stadt ein El-Dorado sein. Für einen Siedler wie mich ist sie manchertags nichts Weiter als der real gewordene Albtraum.
Letztlich sind es Sachzwänge, die mich an diese Stadt binden. Namentlich die Nähe zur Universität und die schon seit Längerem stattfindende Verlagerung des Freundeskreises in die Stadt hin. Das oft gerühmte Nachtleben kann mir indes weigehend gestohlen bleiben. Es entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie, dass ich mich nun, nach einigen Monaten Zürich, wieder nach Wald sehne. Wegen den bereits genannten Sachzwängen dürfte eine Rückkehr mittelfristig wohl eher nicht in Frage kommen. Ein kleiner Trost aber bleibt trotzdem; mein Geld verdiene ich noch immer in Wald und so bin ich dann doch mehrmals in der Woche dort anzutreffen und kann Energie tanken, ohne die ich dieses grässliche, immerzu hektische Stadtleben wohl nicht ertragen könnte.










