Istanbul und die Melancholie
Die Melancholie. Ausdruck von Schwermut und süsser Traurigkeit, die einzelne Menschen in gewissen Lebenssituationen und Umgebungen befällt. Für den Zustand einer kollektiven Melancholie, einer Melancholie, von der ein ganzes Volk befallen ist, existiert in der deutschen Sprache kein Ausdruck. In der türkischen Sprache hingegen existiert mit Hüzün ein solcher. Der Schriftsteller Orhan Pamuk erzählt in seinem Buch Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt ausgiebig über Hüzün. In Istanbul treffe man auf «das von Millionen Menschen zugleich empfundene schwarze Gefühl, der Hüzün einer ganzen Stadt». Hüzün entstehe dort, wo Schmerz über einen grossen Verlust bestehe. Istanbul scheint prädestiniert für dieses Gefühl zu sein – war es doch einst Zentrum eines Riesenreiches, das in den letzten hundert Jahren weitreichende Gebiete und Macht verloren hatte. Pamuk beschreibt, wie Hüzün in Istanbul allgegenwärtig ist – im Lebensgefühl der Menschen, in den verstaubten Strassen, aber auch in den zusehends zerfallenden Stadtpalästen der einstigen Sultans und einflussreicher Adelsgeschlechter.
Da ich Pamuks’ Schreibstil und wie er Istanbul skizziert sehr mag, möchte ich hier die Gelegenheit nutzen, um einige Zeilen aus seinem Werk «Istanbul: Erinnerungen an eine Stadt» abzudrucken:
Wir lassen also die Momente und Orte Revue passieren, an denen dieses Gefühl sich am deutlichsten manifestiert. Das sind dann früh hereinbrechende Abende, Familienväter, die in einem Vorort mit einer Tüte in der Hand unter einer Strassenlaterne ihrem Heim entgegenstreben, alte Buchhändler, die während einer der zahlreichen Wirtschaftskrisen in ihrem Lädlein frieren und den lieben langen Tag vergeblich auf Kunden warten, Friseure, die darüber jammern, dass in solchen Krisen die Kunden sich immer seltener blicken lassen, an verwaisten Anlegestellen vertäute alte Bosporus-Dampfer, Schiffer, die beim Putzen auf einen kleinen Schwarzweissfernseher schielen und sich wohl bald auf dem Schiff zu einem Nickerchen zurückziehen werden.
Enge Pflasterstrassen, Kinder, die zwischen Autos Fussball spielen, Frauen mit Kopftuch, die mit einer Plastiktüte in der Hand an abgelegenen Haltestellen auf einen ewig nicht kommenden Bus warten, ohne miteinander ein Wort zu wechseln, leere Bootshäuser alter Bosporus-Villen, bis auf den letzten Platz mit Arbeitslosen gefüllte Teehäuser, Zuhälter, die an Sommerabenden geduldig über den grössten Platz der Stadt schlendern, bis ihnen ein betrunkener Tourist in die Falle geht, Menschenmengen, die an Winderabenden zu den Dampfschiffen eilen, Frauen, die abends immer wieder durch den Vorhang auf die Strasse spähen, weil ihre Ehemänner so lange ausbleiben, bemützte alte Männer, die in Moscheehöfen religiöse Schriften, Gebetsketten und Essenzen für die Mekkapilger verkaufen.
Zehntausende einander gleichende Mietshauseingänge, in Amtsgebäude umgewidmete Holzpalais, in denen es bei jedem Schritt erbärmlich knarrt, kaputte Wippen in verödeten Parks, durch den Nebel tönende Dampfschiffsirenen, zerfallende byzantinische Stadtmauern, die sich abends leerenden Marktplätze, in Trümmern liegende Derwischklöster, unzählige unter einer Russ- und Staubschicht gesichtlos gewordene Häuserfassaden, Möwen, die im Regen auf muschel- und mossüberzogenen verrosteten Pontons verharren, riesige hundertjährige Holzpaläste, bei denen am kältesten Tag des Jahres aus einem einzigen Kamin eine kaum wahrnehmbare Rauchsäule aufsteigt, Männer, die von der Galata-Brücke aus angeln, kalte Bibliotheksräume, Strassenfotografen, muffige Pornokinos, die früher einmal ehrenswerte Lichtspielhäuser mit vergoldeter Decke waren und heute nur noch von schamhaft hereinschleichenden Männern besucht werden, Strassen, auf denen nach Sonnenuntergang keine einzige Frau mehr zu sehen ist, Trauben von Männern, die an lauwarm-windigen Tagen von den staatlich kontrollierten Bordellen warten, junge Frauen, die vor Läden mit Billigfleisch Schlange stehen, die fahlen Lichtlein der Leuchtspruchbänder, die an religiösen Feiertagen aufgehängt werden.
Eingerissene, vollgeschmierte Plakate, amerikanische Strassenkreuzer aus den fünfziger Jahren, die sich als Sammeltaxis durch schmutzige, steile Strassen quälen und im Westen höchstens noch im Museum zu sehen wären, vollgestopfte Stadtbusse, Moscheen, denen fortwährend die Bleiabdeckungen und die Regenrinnen weggestohlen werden, Friedhöfe, die mit ihren Zypressen wie in einer anderen Welt leben, Lichter, die abends matt von den zwischen Kadiköy und Karaköy verkehrenden Dampfern herüberscheinen, Kinder, die auf der Strasse Papiertaschentücher feilhalten, Uhrtürme, auf die niemand schaut, Schüler, die im Unterricht von osmanischen Siegen hören und zu Hause geprügelt werdne, leere Strassen, wenn Volkszählungen und Terroristensuche als Vorwand für Ausgangssperren dienen und die Leute daheim bange auf die «Amtspersonen» warten, Leserbriefe, die in einer Ecke der Zeitung völlig unbeachtet bleiben, auch wenn darin geklagt wird, die Kuppel der dreihundertsiebzig Jahre alten Moschee des Viertels sei einsturzgefährdet und dagegen müsse doch etwas unternommen werden.
Fussgängerunter- und -überführungen an den verkehrsreichsten Stellen der Stadt, bei denen jede einzelne Stufe auf irgendeine andere Weise beschädigt ist, der Mann, der seit geschlagenen vierzig Jahren an ein und derselben Stelle Ansichtskarten von Istanbul verkauft, Bettler, die an unmöglichsten Orten plötzlich vor einem stehen, und andere Bettler, die jahraus, jahrein am gleichen Ort den gleichen Spruch hersagen, beissender Uringestank, der einem auf Dampfern, in Passagen und Durchgängen plötzlich in die Nase steigt, junge Mädchen, die in Hürriyet die Kolumne der Briefkastentante lesen, Sonnenuntergänge, die auf die Fenster von Üsküdar ein rötliches Orange zaubern, die frühesten Morgenstunden, in denen ausser den aufs Meer hinausziehenden Fischern noch kein Mensch auf den Beinen ist, zwei Ziegen und drei gelangweilte Katzen, die im Pseudo-Tiergarten des Gülhane-Parks ihr Leben fristen.
Drittklassige Sänger, die in Vergnügungslokalen amerikanischen Vorbildern und türkischen Popstars nacheifern, und erstklassige Sänger, Schüler, die sich sechs Jahre lang in nicht enden wollenden Englischstunden zu Tode langweilen und am Ende kaum mehr herausbringen als «yes» und «no», am Galata-Kai wartende Einwanderer, an Winterabenden nach Marktende herumliegende Obst- und Gemüsereste, Papierfetzen, Plastiktüten, Säcke, Kisten und Schachteln, hübsche Frauen mit Kopftuch, die auf dem Markt verschämt zu feilschen versuchen, junge Mütter, die mit drei kleinen Kindern auf der Strasse nur mühsam vorankommen, der Anblick, den das Goldene Horn bietet, wenn man von der Galata-Brücke aus in Richtung Eyüp blickt, Simit-Verkäufer, die versonnen in die Gegen blicken, während sie am Bosporus-Ufer auf Kunden warten, Dampfsirenen, die alle zugleich ertöntn, wenn am Todestag Atatürks die ganze Stadt in einer Schweigeminute verharrt,
jahrhundertealte Stadtteilbrunnen, die ohne ihre längst entwendeten Wasserhähne nur noch Marmorhaufen sind, Häuser in Nebenstrassen, wo in meiner Kindheit noch Familien der Mittelschicht wohnten und Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer abends mit ihren Frauen und Kindern Radio hörten, während heute die ehemaligen Wohnungen mit Näh- und Knopflochmaschinen vollgestellt sind, an denen junge Mädchen für den niedrigsten Lohn der ganzen Stadt bis in den Morgen hinein arbeiten, damit irgendein Auftrag fertig wird, der huntergekommene Zustand, in dem sich alles und jedes befindet, sie Störche, die sich im Spätsommer vom Balkan aus Ost- und Nordeuropa in Richtung Süden aufmachen und beim Überfliegen des Bosporus und der Prinzeninseln von ganz Istanbul beobachtet werden, und schliesslich die Männerscharen, die nach Fussball-Länderspielen (die in meiner Kindheit stets mit schweren Niederlagen endeten) rauchend nach Hause ziehen.
Wenn man dieses Gefühl, das von all diesen Ecken und Winkeln und Menschen ausgeht und sich über die Stadt verströmt, erst einmal tief in sich aufgesogen hat und es wirken lässt, dann wird man irgendwann, wohin man auch blickt, in der Lage sein, es förmlich zu sehen, so wie man an kalten Wintermorgen, wenn plötzlich die Sonne durchbricht, über den Wassern des Bosporus zitternd einen hauchdünnen Dunst aufsteigen sieht.



