Monsieur Croche

16. Juni 2010

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Neu im Bücherregal: Paul Nizon – Das Jahr der Liebe

Paul Nizon - Das Jahr der Liebe

«Das Jahr der Liebe» von Paul Nizon. Heute in einem Antiquariat für 12.- gekauft. Lesestoff für die Vorlesungsfreien Tage.

Dieser Romantitel, der uns ein Jahr der Liebe verspricht, gibt Hoffnung. Wer besässe soviel von dieser notwendigen Kraft, dass ihn dieses Versprechen unbeeindruckt liesse. Unsere Fantasie eilt den Erfüllungen voraus, denkt sich Lösungen aus. Und in dieser Erwartung lassen wir uns auf das Buch ein.
Man liest die Geschichte eines Mannes, der nach der Trennung von seiner Frau, in einer Lebens- und Schaffenskrise, nach Paris geht, in das »Schachtelzimmer« einzieht, das die verstorbene Tante zurückgelassen hat; und hier, in dieser Stadt, die manchem (Berühmten) Zuflucht war, im Leben oder im Tod endete, hier versuchte er, losgesagt von allem Bisherigen, das Leben zu gewinnen oder zu verlieren; hier versucht er, das Leben und sich auf die entscheidende Probe zu stellen. Nichts also ist ihm geblieben, es sei denn der Einsatz des Suchens, des täglichen Schreibens.

Das Zimmer wird zur Einheit von Ort und Zeit. Das Zimmer wird zum Verhörraum, zur Einzelhaft, zum Traumkissen, zum Umschlagplatz für Erinnerungen, zum Durchgangsort vieler Figuren, die mit ihrer Geschichte eintreten, den Raum mit Leben erfüllen und wieder abtreten, um nicht vergessen zu lassen, dass dieser Ort eine Stätte der Meditation ist, ein Einsamkeitsraum. Ein Ort des Wartens, ein Warten auf die Liebe. Die Tür des Zimmers lässt sich öffnen, sie öffnet sich in die Stadt, wo der »Gefangene« eintaucht, in der er untertaucht, auf der Suche nach dem Leben, das zurückgewonnen sein will. Aber wo befindet sich dieses Leben, das seines werden könnte, wo in diesem Universum von Leben, Sterben und Lieben?

«Ich habe an diesem Buch mehr als nur Fleiss verwandt, liebe Freunde, ich bin fast krepiert an dieser Lebensmutprobe«, schreibt Paul Nizon in einem Brief. Auf dieses Bekenntnis kann man menschlich reagieren, doch man weiss auch, krepieren, das steht auf einem anderen Blatt, das ist kein Kriterium. Jedoch: Das Krepieren ist umgesetzt. Die Lebensmutprobe wird zur Möglichkeit der Interpretation. Kein Schrei der Verzweiflung ist dieses Buch, gewiss nicht. Es sei denn, dieses Sich-mit-allem-Befassen, der Stadt, den Strassen und Häusern, den Nachbarn, Erinnerungen und Liebesmädchen im Haus der Madame Julie, ist ein Akt der Verzweiflung; dieses ununterbrochene Sehen, Empfinden, Auf-den-Grund-Tauchen, dieses allerdichteste Netz der zu Literatur werdenden Existenzen ist die Verzweiflung. Auf der Suche nach Leben und Liebe.

Was und wie auch immer wir (die Leser) leben, dieses Leben leben wir nicht; und dennoch, wie sonderbar, man nimmt es an, als hätte man es bisher verpasst oder es stünde noch bevor. Dann alles an diesem Buch scheint unwiderlegbar, das Motiv, die Wahrheit, die Sprache. Das Lebensbuch eines anderen zeigt die Möglichkeit der Wahrnehmung, diese Vielfalt ohne Mass, die uns umgibt, die wir möglicherweise übersehen, überhören, weil sie die eine, die einzige Geschichte nicht erkennen lässt. Denkbar ist, dass dies ein Buch ist, um dessentwillen ein Autor schreibt und schreibt.

(Buchklappentext)

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