Man kommt langsam an
Es ist jetzt, ich glaube, so genau weiss ich das schon wieder gar nicht mehr, zwei Wochen her, seitdem wir unsere Wohnung in Wiedikon bezogen haben. Nun, da die Ikea-Kartons zur Seite geschafft sind und der Parkettboden wieder zum Vorschein kommt, nun, da die Bücher im Bücherregal versorgt und der Duschvorhang endlich hängt, empfinde ich das Gefühl, langsam angekommen zu sein. Das Internet fehlt zwar immer noch und das Wohnzimmer mit seiner durchgehend schwarzweissfarbener Möblierung lädt zu depressiver Verstimmung ein, aber ich komme langsam an. Ich beginne mich zu Hause zu fühlen, in meinen eigenen 16 Quadratmetern. Da der PAX-Schrank, da das alte Lehrerpult und dort die beiden Bücherregale – Zeugen meiner krampfhaften Versuche, belesen zu wirken. Es fehlt nur noch ein wenig Farbe. Aber sie kommt, sicherlich, bald ein mal. Dann einmal.
Sobald ich die Wohnung aber verlasse, ergreift mich das Fremde. Es sind nicht die vielen Juden im Quartier, welche mir fremd erscheinen. Nein, eigentlich überhaupt nicht. Ich mag sie – ihre traditionelle Lebensweise, ihre langen schwarzen Kutten, ihre merkwürdigen Hüte und ihre tollen Bärte. Man weiss, was man von ihnen erwarten kann: Wucherkredite. Ansonsten aber ist da noch nicht viel, an dem man sich festhalten könnte. Überall fremde Gesichter, die zu Boden blicken oder vor sich hinstarrend einen beliebigen Punkt in der Ferne fixieren. Wald ist da anders. Da haben die Menschen zwar alle einen Knall, aber man kennt sie wenigstens.
Es ist nicht so, dass ich das nicht schon vorher gewusst hätte. Wenn man es dann aber durchlebt, ist es doch nochmals etwas Anderes. Es braucht Zeit, bis man hier ankommt. Es braucht Zeit, bis man jene Orte findet, an denen man sich wohlfühlt. Es braucht Zeit, bis man versteht, was es mit diesen Sonnenbrillen auf sich hat. Ja, es braucht ein wenig Zeit, bis man ankommt. In der Stadt.
Ich werde mich diesen Sonntagabend wohl mal wieder ins Riffraff an die Langstrasse wagen, um mir dort «Zimmer 202» anzusehen. Man muss sich unters Volk mischen und den Puls der Stadt fühlen, um sie zu verstehen. Auch wenn das nicht immer angenehm ist.
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2 Responses to Man kommt langsam an
Keine Angst, du hättest in ganz Zürich keine bessere, spannendere, aufregendere, gemütlichere Wohngegend finden können
Hier wirst du dich bald zuhause fühlen, verspreche ich dir nun mal so vollmundig
haha ja das stimmt schon, es ist hier wirklich toll. ich mag den multi-kulti-mix und dass es hier so viel gründflächen gibt. wohnst du auch hier in wiedikon?