Monsieur Croche

10. Januar 2011

4 Comments

Irrweg Studium, Irrweg Leben

Manchmal kommt es mir so vor als sei das einzig konstante in meinem Leben der Wandel. Dass nichts bleibt, wie es war. Nun, es war Herbst 2007 als ich hier in Zürich zu studieren begann. Nebenbei hatte ich noch in einem Lebensmittelladen in Arbeitskleidung gearbeitet. Damals mit Soziologie im Hauptfach und Wirtschaft im grossen Nebenfach. Meine Eltern hatten zuvor ganze Arbeit geleistet und mir das Philosophie- und Germanistikstudium mit den üblichen Totschlägerargumenten ausgeredet. Klar, was will man schon mit Philosophie anfangen? Wirtschaft muss man mindestens im Nebenfach studiert haben, da man ansonsten sowieso keinen Wert auf dem Stellenmarkt hat.

Nach einem Jahr Soziologie hatte ich einiges über Vergesellschaftung und menschliches Zusammenleben erfahren und vor allem aber auch etwas gelernt: nämlich dass Soziologie nichts für mich ist. Ich sattelte deshalb um und begann Politologie zu studieren. Dabei bin ich zwar bis heute geblieben, jedoch wuchsen die Zweifel an der Wahl meines Nebenfachs während den vergangenen Wochen und Monaten mehr und mehr an, bis ich mich vor einigen Tagen schliesslich zur Erkenntnis durchrang, dass ich die Wirtschaft weiter wirtschaften lassen möchte, jedoch ohne mich. Ich werde nun etwas tun, was ich schon lange tun wollte – ich werde Philosophie im kleinen Nebenfach studieren.

Nicht selten wundere ich mich über die Kurven und Wendungen, die mein Leben nimmt. Dafür verantwortlich sind unter Anderem konkurrierende Lebensentwürfe, die in mir wüten. Wer bin ich? Wer will ich sein? Und was will ich mit meinem Leben anfangen? Als ich 2006 mein Abschlusszeugnis in den Händen hielt, war für mich klar, dass ich Philosophie studieren werde. Ich war zu jener Zeit ein nachdenklicher Typ mit einem merkwürdigen Humor und einem ziemlich langen Stock im Hintern. Von der Philosophie hatte ich gewiss eine etwas verschrobene Vorstellung; setzte ich doch gewissermassen Philosophie mit Metaphysik gleich.

Es kam dann aber sowieso ein wenig anders: Das Soziologiekapitel. Nach einem Zwischenjahr, in dem ich ausser zu saufen nicht wirklich viel nennenswertes tat, begann ich mit ebendiesem Vernunftstudium. Ein diffuser Hass auf die Spass- und Konsumgesellschaft bestärkte mich in meinem Entscheid. Das Studium selbst verbitterte mich jedoch und nährte diesen Hass nur noch mehr. Ich bemerkte, wie ich mich vom Leben mehr und mehr abwandte und alles mit dem zynischen Blick des Soziologen zu betrachten begann. Ich zog daraus die einzig richtige Konsequenz und brach das Experiment ab.

Der Studiumsabbruch fiel damals zusammen mit meinem Auszug von zu Hause. Als ich mein Politologiestudium begann, hauste ich in einem abgefuckten Drecksloch, welches ich trotz allem liebte. Mein einziges Problem zu jener Zeit war mein chronischer Geldmangel und ich begann mir darob einzubilden, dass ich nie zu Geld kommen würde und ständig so leben müsste. Es folgte eine Phase der Idealisierung des Reichtums bzw. des bürgerlichen Lebens. Die Beziehung zu meiner damaligen Freundin trug sicherlich nicht unwesentlich dazu bei. Ich überlegte mir letztendlich gar ganz auf Wirtschaft umzusatteln, da mir dies als der einzige Weg erschien, um zu etwas Geld zu gelangen.

Mein idealisiertes Bild vom bürgerlichen Dasein begann jedoch mehr und mehr zu verblassen. Ich stellte es gleichsam in Frage, wie ich meine damalige Beziehung in Frage stellte. Es ging nicht mehr. Ich hatte mich verbogen und mein Leben einem Entwurf angepasst, mit dem ich nicht glücklich werden konnte. Das war alles nur nicht ich. Für was Geld und Reichtum? Bestenfalls beruhigt es. Ansonsten bringt es wenig, wenn man sonst nicht im Reinen mit sich selbst ist. Es macht im Gegenteil alles nur noch komplizierter.

Ich räumte in der Folge der Literatur, dem Bloggen und der Selbstreflexion wieder einen viel grösseren Stellenwert in meinem Leben ein. Der neuste Kursswechsel, so scheint es mir, ist nun das letzte Kapitel eines mittellangen Selbstfindungstrips. Mir ist nun endgültig klar, dass ich nicht zur Wirtschaft passe und sie nicht zu mir. Natürlich wird mein Entschluss nicht allen gefallen. Aber nur etwas weiterhin zu tun, um andere Menschen nicht zu enttäuschen, macht auf Dauer wenig Sinn. Deshalb hallo Philosophie, hallo Leben!

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4 Responses to Irrweg Studium, Irrweg Leben

  1. Sonja says:

    Aha, also Philosophie.. In meinem ersten Semester Theologie musste ich auch Philosophie besuchen und nahm eine Vorlesung genannt: “Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung”. Die Vorlesung war bei Georg Kohler, Mister full-of-himself, und war ziemlich spannend. ABER, daneben mussten wir noch eine Lektüre besuchen und Tugendhats Buch: Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung, lesen.. Für die 30 Seiten pro Woche hatte ich mindestens vier Stunden. Er bespricht Hegel, Heidegger und Wittgenstein, sprachanalytische Interpretationen des Themas, wobei er wahrscheinlich damitoft in der Nähe der Soziologie ist. Jedenfalls hat mir die Besprechung des Buches fast den Nerv geraubt, das ging zwei Stunden lang: “Aber man könnte das doch auch so sehen”, “Plato sagt hierzu aber”, bla bla.
    Wenn du gerne Themen totdiskutiest, dann bist du in der Philosophie richtig.
    Es heisst übrigens, dass wer Philosophie abschliesst, jeden Job haben kann, weil die Arbeitgeber wissen, dieser Mensch hat das durchgehalten, den macht nichts mehr kaputt.:)

    Was ich noch sagen wollte: Es ist doch oft so, dass Menschen, je älter sie werden, ihren Idealismus verlieren und in der Realität (die nennen das dann so) aufwachen und erkennen, dass auch sie sesshaft werden wollen und Kinder haben wollen und es deshalb nicht mehr zu vereinbaren ist, bei Greenpeace an Demos mitzumachen. Stattdessen arbeitet man bei der UBS und macht Geld und verliert seinen Traum und seine Seele.

    Das wollen wir nicht, wir wollen das studieren und tun, was uns erfüllt und am Ende des Lebens nicht denken, dass wir uns selbst verraten haben.

    Mit dieser Einstellung leben wir unser Leben zuerst für uns selbst, den wir sind das Kriterium für die Entscheidungen.
    Die Frage ist, ob das egoistisch ist?

  2. Gaggi says:

    Vollumfänglich gänzlich und TOTAL die richtig Entscheidig. Ich bin stolz uf dich, Gaggi :)

  3. Titus says:

    Das bringt mich zur Fielmann-Frage: “Wenn Du Dein Leben noch einmal leben könntest, würdest Du alles noch einmal genau gleich machen?”

    Im Gegensatz zu dieser Werbung würde ich meine Brillen zwar nicht von Anfang an bei Fielmann kaufen.

    Aber ich würde eher etwas wählen, das etwas Selbstloses, etwas Uneigennütziges in sich hat.

    Geld ist nicht alles und – wie Du schreibst – macht das Leben nur komplizierter. Irgendwann wirst Du Dich fragen, ob es ein dickes Portemonnaie wert ist, ein wenig erfüllendes oder befriedigendes Leben zu führen. Aber was ist erfüllender oder befriedigender, wenn Dir andere für Deine Unterstützung danken? Sind es nicht diese aufrichtigen Blicke und Gesten, die glücklich machen?

  4. madame says:

    du kansches auch so sehen: notfalls hängst du den gymilehrer dran! die werden ja immer gebraucht und wenn du als solcher nur schon 50% angestellt bist, generierst du schon genug einkommen.

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