Identitätsbildung in der Moderne
Folgende Zeilen stammen aus dem Buch Das vollkommene Leben: Vier Meditationen über das Glück, welches ich gerade lese:
Menschen wissen, wer sie sind und was ihre Welt ist, weil sie gewohnheitlich in ihre Welt passen. Das muss nicht immer mit kontrastreichen Erfahrungen und dem Gefühl der Geborgenheit, also mit Glück einhergehen. In einem schlichteren Sinne bedeutet es lediglich, dass sie sich selbst und der Welt nicht fremd sind. Fremdheitserfahrungen durchzustehen und sich an neue Gegebenheiten auch nach der Kindheit noch anpassen zu können, ist eine nützliche Fähigkeit, die positiv bewertet wird.
Wenn jedoch die Dynamik der Weltveränderung einerseits und die hohe positive Bewertung der Flexibilität von Menschen andererseits dazu führen, dass sich Menschen dauernd verändern, dass sie permanent neue Gewohnheitsmuster erzeugen, ja dass sie während der Erzeugung eines neuen Gewohnheitsmusters die Erfahrung machen müssen, dass die Dinge, an die sie sich gerade anzupassen versuchen, schon wieder am Verschwinden sind, dann geraten sie in einen Strudel der Veränderung, der das bedroht, was auch als ihre «Identität» bezeichnet worden ist.
Menschen hören dann auf zu wissen, wer sie selbst sind und in welcher Welt sie eigentlich leben. Die Welt des modernen Kapitalismus ist als eine beschrieben worden, die zu solchen Phänomenen der totalen Flexibilisierung und Bedrohungen der Identität führt. Sofern wir unseren Begriff des Glücks voraussetzen, sind diese Verhältnisse geeignet, Menschen unglücklich zu machen.
— Michael Hampe: Das vollkommene Leben. Vier Meditationen über das Glück. S.221
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