Monsieur Croche

13. Juli 2010

14 Comments

Ich lebe Zürich nicht

Die naiven Vorstellungen, mit denen ich Zürich noch vor einigen Monaten in Verbindung brachte, sind mittlerweile überholt. Sie sind stattdessen der Gewissheit gewichen, dass Zürich mich überfordert. Diese Stadt bietet zwar vieles an, aber man muss es sich jeweils auch selbst holen. Sie bringt einem nichts entgegen. Einem wie mir, der es gewohnt ist, die Dinge auf sich zukommen zu lassen und langsam mit ihnen Bekanntschaft zu schliessen, bleibt sie fremd und unbekömmlich. Hier reiht sich Haus an Haus, Geschäft an Geschäft, Lokal an Lokal. Die dahinterstehenden Geschichten bleiben einem verborgen. Zürich, heisst es, sei landesweit, ja sogar international für sein kulturelles Angebot bekannt. Nur sehe ich hiervon wenig. Ich lebe in einer Parallelwelt der kulturellen Einöde, der zersetzenden Anonymität und des geistigen Wachkomazustands. Nein, einer der Zürich lebt, sieht definitiv anders aus. Der Grund liegt darin, dass ich mich schlicht und einfach mit den Möglichkeiten dieser Stadt nicht auseinandersetze. Nicht auseinandersetzen kann. Denn die schiere Auswahl überfordert mich. Ich bin wie einer, der im Kaufhaus hilflos vor einem übergrossen Regal steht und sich ob der grossen Markenvielfalt nicht entscheiden kann. Für die geborenen Entdecker mag diese Stadt ein El-Dorado sein. Für einen Siedler wie mich ist sie manchertags nichts Weiter als der real gewordene Albtraum.

Letztlich sind es Sachzwänge, die mich an diese Stadt binden. Namentlich die Nähe zur Universität und die schon seit Längerem stattfindende Verlagerung des Freundeskreises in die Stadt hin. Das oft gerühmte Nachtleben kann mir indes weigehend gestohlen bleiben. Es entbehrt wohl nicht einer gewissen Ironie, dass ich mich nun, nach einigen Monaten Zürich, wieder nach Wald sehne. Wegen den bereits genannten Sachzwängen dürfte eine Rückkehr mittelfristig wohl eher nicht in Frage kommen. Ein kleiner Trost aber bleibt trotzdem; mein Geld verdiene ich noch immer in Wald und so bin ich dann doch mehrmals in der Woche dort anzutreffen und kann Energie tanken, ohne die ich dieses grässliche, immerzu hektische Stadtleben wohl nicht ertragen könnte.

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14 Responses to Ich lebe Zürich nicht

  1. Der Bebilderer says:

    … tja, willkommen in der Realität mein Lieber. Zürich hielt mich ein, Bern mittlerweile zweieinhalb, Rüti ganze fünf Jahre vom Gedanken an’ Umzug fern … es gibt persönlicheres als die Limmatstadt.

  2. sarah says:

    Hmm, interessante Beobachtungen. Ich habe nie mitten in der Stadt gelebt – nur in Biel, aber das ist keine wirkliche Stadt. Doch nun wohne ich seit zwei Monaten in der vollkommenen Einöde und sehne mich ungeheuerlich nach der Stadt! Nicht, dass ich mitten in Zürich wohnen wollte. Ich glaube nach wie vor, dass ich ein Agglo-Mensch bin. Ich will sowohl die Nähe zur Natur wie auch die Nähe zur Stadt. Figgi-Mühli, sozusagen. Nur Natur ist solange schön, wie man auf städtische Angebote verzichten kann. Doch die Natur kann auch zu viel werden. Die Schön- und die Freiheit erdrückend. Insofern verstehe ich dich sehr gut. Es ist wohl ein Abwägen zwischen den Vor- und Nachteilen des Wohn- und Arbeitsortes.

    Wenigstens scheust du dich nicht, dies und jenes zu entdecken. Ich musste auch zuerst nach Biel ziehen, um zu merken, dass 130 Kilometer Abstand von Züri etwa 100 Kilometer zu viel sind ;-)
    Dafür gehts mit 3000 Kilometer ganz ordentli…

  3. Jerky says:

    Hmmmm, interessant, ja. Wie lange wohnst du denn jetzt in Zürich? Mir ging’s anfangs recht ähnlich, aber ich glaube, langsam gewöhne ich mich an den Rhythmus hier. Ich weiss nicht genau, was dazu geführt hat, ich nehme an, Zeit. Und es ist auch eine Einstellungssache. Es bringt nix, sich betont nicht zugehörig zu fühlen. Aber ich weiss auch nicht mehr so genau, ob ich meine Perspektive so richtig aktiv geändert habe, oder ob sich das einfach so ergeben hat. Fazit: Lass die Dinge weiterhin auf dich zukommen (immer gut), die Taktik sollte auch hier klappen.

  4. Monsieur Croche says:

    @Bebilderer: Und Bern gefällt dir immernoch? Ich empfinde Zürich auch als unpersönlich, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich es bin, der das empfindet oder ob ich es empfinde, weil Zürich gemeinhin diesen Ruf hat.

    @Sarah: Wie gefällts dir denn so in den Lofoten? Hab’ fast irgendwie den Eindruck, als hättest du ein wenig Heimweh? Bin wohl auch eher so der Agglo-Typ oder halt einfach das, als was man Rüti-Tann-Wald bezeichnen würde. Jetzt ist’s ok in Zürich zu leben, aber später einmal wird es mich ziemlich sicher zurück aufs “Land” ziehen.

    @Jerky: Es sind jetzt gut und gerne vier Monate. Seit wann bist du denn hier? Stimmt schon, ist sicherlich eine Einstellungssache und ich bin ja auch nicht so feindseelig gegenüber der Stadt eingestellt, wie es oben klingt ;) An manchen Tagen ist sie mir einfach zu viel und ich merke auch, dass ich sie eigentlich überhaupt noch nicht kenne, obschon ich sie gerne besser kennenlernen würde, da sie interessant sein kann. Nur bin ich eben zu passiv und suche nicht aktiv nach neuen Lokale, Orten oder Anlässen. Das Angebot ist mir zu gross, es erdrückt mich sozusagen. Aber mal abwarten, ich lass es auf mich zukommen ;)

  5. Paddy says:

    Es geht halt nix übers Zürcher Oberland :-) Definitiv.

  6. sarah says:

    Nja, Heimweh ist falsch, eher Stadtweh. Hier ist das Angebot halt schaurig begrenzt. Die Landschaft ist wundervoll, doch das reicht nicht. Falls ich länger bleibe, dann ziehts mich wohl in die nächst grössere Stadt.

  7. brummbär says:

    als ich von Beijing zurückgekehrt bin, fühlte ich auch die Unpersönlichkeit, die Laufstegmentalität, die jeder ist ein fast-Superstarmentalität.
    Jetzt habe ich aber das warme, nahe Zürich kennengelernt und finds wieder easy.

  8. miriam says:

    kann ich verstehen. ich frage mich seit ich in zürich arbeite auch, ob ich später wirklich mal in einer grosstadt leben will.

  9. mighty V says:

    ja, carl hirschmann!
    warum weisstdu das? :D

  10. Monsieur Croche says:

    @Brummbär: Wie war denn Beijing so? Wie sind die Leute dort? Geht man in dieser Riesenmegastadt nicht unter? Und wo ist die warme Seite Zürichs? Wie findet man diese? Waren gestern im Café Plüsch. Gefiel uns ganz gut dort!
    @Miriam: Du wohnst demfall noch auf dem Land? Ich denke mir, dass die Stadt für junge Leute ganz spannend ist, aber später mit Kinder und so? Mich wird’s mit grosser Wahrscheinlichkeit dann auch auf’s Land zurückziehen!

  11. viel spass aka brummbär says:

    ich weiss nicht wie es unter den leuten in Beijing selbst ist, aber da ich ein (weisser) Ausländer war, kam ich easy mit den Leuten ins Gespräch und konnte so “anders” sein und die Chinesen konnten sich sagen “ja… er ist hald ein Ausländer, voll ok”
    Dann tanzen so alte Leute noch oft am Abend auf den kleinen Plätzen in der Stadt und durch die vielen kleinen Läden und Strassenshops ist hald das Produktbeschaffungs”erlebnis” ein viel wärmeres. (sofern man sich nicht angegriffen fühlt, wenn jemand beim Handeln böse wird oder man “zu viel” bezahlt hat)
    auch in den Bars finde ich es viel angenehmer, wobei es schon auch die abgefuckten “coolen” also kühlen Clubs gibt und so.
    Ich habs gestern wieder gemerkt wie kühl Zürich ist, ich war das erste Mal seit langen in einem Club und das war “nur” Lady Hamilton und trotzdem… fühlte ich mich unwohl.
    die warmen Orte sind für mich hald so Sauvages, Parties in Besetzten im Mehrspuhr und so WG-Grill-Parties bei Leuten die zu den “Sauvages” etc. gehen. oh und Couchsurfing Events
    Peace

  12. Monsieur Croche says:

    Klingt spannend, dieses Beijing. Was sind Sauvages? Habe ich jetzt noch nie davon gehört. Das Mehrspur ist definitiv ein Ort, wo ich öfters hingehen sollte, gefällt mir nämlich auch recht gut dort.

  13. Brummbär says:

    Sind so nicht offiziell angekündigte Parties. Oftmals in einem Leerstehenden Haus oder Park oder Unterführung oder so. sind hald “illegale” Parties. Bis jetzt habe ich immer nur gute Musik und coole offene Leute dort angetroffen. Ist hald – durch die Aktion als solche – nicht so (möchtegern) versnobt bzw. verarogantisiert wie (fast) die ganze Clubszene.

  14. laura says:

    Ging mir genau so :) Zürich ist einfach zu hektisch und unpersönlich für mich. Ich mag es wenn man jemanden den man gar nicht kenn in den Strassen noch grüsst und am Morgen die Vögeli zwitschern hört und nicht die Betrunkenen gröhlen; genau so mag ich es wenn ich die Fenster öffnen kann und frische Luft habe und nicht den ganzen Abgasgestank.
    Jedem das Seine; meine Schwester LIEBT Zürich und wohnt schon seit Jahren hier, ich hasse es und ziehe weg aus der Stadt. Gibt genügend kleinere Städtchen und Dörfli in der Nähe, wo es friedlicher ist :D

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