Monsieur Croche

12. Mai 2010

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Mit Peter Bichsel nach Paris

Ich bin dort zu Hause, wo ich meinen Ärger habe.
Nichts fällt mir schwerer, als Tourist sein zu müssen.
— PETER BICHSEL

Es ist nun wohl auch schon wieder knapp eine Woche her, seitdem ich mich an jenem verregneten Abend ins Riffraff setzte, um mir den Film «Zimmer 202» anzusehen. Er begleitet Peter Bichsel, wie er mit 75 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben Paris bereist. Ich wusste nicht genau, was mich in diesem Film erwarten würde, ja was ich erwarten konnte. Ich liess es auf mich zukommen, zumal ich nur wenig über Bichsel weiss; noch keines seiner Bücher gelesen habe.

Bichsel kommt am Gare de l’est an und verbleibt dort eigentlich während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes. Keine Sehenswürdigkeiten, die er sich anschauen würde und keine Ausflüge in die verschiedene Stadtteile. Nein, er zieht bloss spazierend seine Kreise um den Gare de l’est. Langsam und Stück für Stück erkundet er Strassen und Lokale. Und sinniert dabei über Liebe, seine verstorbene Frau, die Schweiz und Politik. Schon bald hat er eine Stammkneipe gefunden, in der er nun fortan jeden Tag sein Glas Rotwein trinken wird.

Wie würde es sich mit mir verhalten, wäre ich alleine in Paris? Nicht wesentlich anders, stellte ich fest. Unbekanntes bereitet mir stets ein latentes Gefühl des Unbehagens und so brauche ich eine Weile, um mit dem Unbekannten vertraut zu werden, ehe ich mich auf die Situation und die Umgebung einlassen kann und sich dieses beklemmende Gefühl in meiner Brust zu lösen beginnt. Ich weiss nicht, weshalb Bichsel Paris nicht erkundigt. Ich kann nur für mich sprechen. Ich muss, um eine Stadt kennen zu lernen, zuerst ihre Bewohner kennen lernen. Ihre Art zu leben begreifen, ihren Puls spüren. Deshalb begebe ich mich, wenn fremd an einem Ort, gerne unter Menschen, um sie zu beobachten.

Auch Bichsel sprach über das Beobachten. Für ihn sei es jedoch nicht ein beobachten, sondern ein Zuschauen, da man beim Beobachten auf ein bestimmtes Ereignis warte, wohingegen man beim Zuschauen bloss zu verstehen versuche, was gerade geschieht. Er hat wohl Recht. Er imponiert mir mit dieser Aussage, denn sie zeigt, wie sehr er die Essenz des gesagten oder geschriebenen Wortes zu fassen vermag.

Trotz allem bleibt Bichsel schwer zu fassen. Weshalb handelt er so, wie er handelt? Weshalb ist Bichsel so, wie Bichsel ist? Und wie denkt Bichsel über die grossen Fragen des Lebens? Natürlich sind das nicht unbedingt Fragen, die Kinofilme typischerweise aufgreifen, aber doch ist es eben ein intimes Portrait eines Schriftstellers. Als Solches vermisste ich ein Stück weit selbstreflexive Elemente. Man sieht Bichsel, wie er tut, was er eben tut, aber man versteht nicht, weshalb er es tut – leider.

Mein Urteil: [Rating:5/6]

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