Die Welt der schönen Bilder oder: Wie mich die Popkultur erschlägt
An einem grauen verregneten Wintertag riss ich das Fenster meines Zimmers auf und schmiss mein Notebook hinaus auf die unwirtliche Strasse. Endlich Ruhe vor diesem Lärm!
Ich tat das zwar nicht, würde es aber gerne tun. Obwohl ich es gleich daraufhin wieder bereuen würde. Wie lebt mit einer Kultur, die man genau so sehr hasst, wie man sie liebt? Wie lebt man mit einer Kultur der man, sobald man auf ihre Existenz aufmerksam geworden ist, nicht mehr entgehen kann? Ich spreche von der Internet-Popkultur, die gefühlt immer mehr meinen Alltag zu durchdringen beginnt.
Die Internet-Popkultur: Darunter verstehe ich Fashion-Blogs, Tumblr-Blogs und Popkultur-Blogs. Wenn ich mir so einen typischen Fashion-Blog ansehe, fühl ich mich beschissen. Wenn ich mich auf Tumblr umschaue, fühle ich mich erschlagen und wenn ich einen Popkultur-Blog überfliege, fühle ich mich so, als würde ich nichts Gescheites aus meinem Leben machen.
Bin ich jetzt einfach ein frustrierter Hater, der besser den Mund bzw. die Finger stillhalten sollte? Nein, darum geht’s nicht. Ich will auf die für mich schädliche Wirkung der «Welt der schönen Bilder» heraus, um mit Simone de Beauvoir zu sprechen. Alles, was ich auf diesen Blogs sehe, sind im Grunde genommen Versprechen, Kaufaufforderungen und seelische Tiefschläge. Ich sehe auf Modeblogs Mädchen, die mir gefallen, aber aufgrund der Distanz unerreichbar bleiben. Ich sehe Bilder verzauberter Orte, schöner Momente und Gegenstände, welche mir gefallen. Ich lese Berichte von Menschen, die tolle Dinge tun, die «ihr Ding» gefunden haben.
All dies ist Gift für mich. Ich besitze die Veranlagung die «falsch» zu denken. Einblick in die Stimmen in meinen Denkapparat gefällig? «Wenn du an einem andern Ort, in einem anderen Umfeld leben könntest und ein anderer Mensch wärst, wäre dein Leben besser und interessanter» – «Ich möchte auch eine solche Lomo-Kamera, dann kann ich auch solche schönen Bilder schiessen» – «Ich würde viel lieber an diesem Ort leben, den ich auf diesem Foto auf Tumblr gesehen habe. Dort ist es viel schöner als hier».
Die Welt der schönen Bilder suggeriert einem, was das Leben alles sein könnte und für den Einzelnen bleibt sowas natürlich meist unerreichbar. Das Leben bietet so unendlich viele Möglichkeiten sich selbst darzustellen und diese Verfügbarkeit von Möglichkeiten hat mit der Verbreitung von Blogs einen Turbo-Booster hinzugeschaltet. Das Ergebnis ist die Hipsterisierung des Alltags. Vielleicht kommt es mir nur so vor und ich kenne die historischen Gegebenheiten nicht, aber mir scheint, wir leben gegenwärtig in Zeiten, in denen der Mittelklasse Twentysomething so gut gekleidet ist, wie noch nie. In denen er sich so bewusst und raffiniert selbst darstellt, wie noch nie.
«So what?» mag man mich nun fragen. «Was ist eigentlich dein Problem damit? Du musst da ja nicht mitmachen oder willst du das etwa und bist einfach eifersüchtig auf andere, die authentischer sind?» Ich stehe dazwischen und das ist genau das Problem. Einerseits spüre ich den Druck der (Studenten)-Massenkultur auf mir lasten und beobachte selbige mit einem gewissen Befremden und andererseits bin ich genau so Teil und Förderer dieser Massenkultur. Es reicht nur schon aus, dass ich diesen Blog betreibe, in dem ich auch manchmal ziemlich oberflächliche und szenige Dinge veröffentliche.
Mein Dazwischenstehen ist Quell meines Unbehagens. Ich weiss um jene Kräfte der Popkultur und spüre, wie sie mich immer wieder verlocken. Doch da ich um sie weiss, werde ich niemals in ihr authentisch aufgehen können. Und wieder mag ein Einwand kommen «Weshalb willst du denn in ihr aufgehen, wenn du dich nicht mit ihr identifizieren kannst?» Ganz einfach: Weil sie Nestwärme verspricht. Einfach irgendwo dazugehören. Ich bin oft bloss der Beobachtende, der das Tun der Menschen beobachtet. Ich hasse diese Tatsache. Und andererseits liebe ich es, den Zustand des Beobachters einzunehmen. Es ist schwierig. So sehr zwischen Extremen.
Reflexion auf der Meta-Ebene
Am Ende dieses Gedankenausflugs und des psychischen sich auskotzens, muss ich noch einige vernünftige Worte anfügen. Mein Psychotherapeut meinte neulich, dass das bei mir immer so vernünftig klinge. Das stimmt. Ich weiss (theoretisch), dass die anonyme Masse der hipstoresken Studierenden aus Einzelpersonen mit ganz und gar unterschiedlichen Vorlieben besteht. Ich fühle dies jedoch nicht. Ich spüre trotzdem den Druck einer ungreifbaren Popkultur und sehe besseren Wissens nur eine anonyme Masse.
Was heisst das für mich? «Keep calm and carry on» – ich will an meiner Art zu denken arbeiten und meine Sicht auf die Welt ändern; denn die Welt erscheint mir so, wie ich sie mir denke. Ich will mehr bei mir selbst bleiben und jene Dinge tun und verfolgen, welche mir Freude bereiten.
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5 Responses to Die Welt der schönen Bilder oder: Wie mich die Popkultur erschlägt
Nun ja, es ist doch so. Natürlich beeinflusst uns unser Zeitgeist. Das können wir gar nicht verhindern. Aber das, was in diesen Fashion & Lifestlye-Blogs vorgelebt wird, ist eine heile Welt, die in ihrer Vollkommenheit natürlich nie existieren kann. Denn, wie Du festgestellt hast, waren die Möglichkeiten zur Selbstinszinierung (vielleicht) noch nie größer als heute. Und deshalb ist die Rolle, die man im Internet schauspielt, nur ein kleiner Ausschnitt eines Gesamtbildes, das in seiner Oberflächlichkeit schwerlich zu überbieten ist. Daß all die Menschen, die tagtäglich von ihrer von Perfektionismus durchzogenen Welt berichten, im Grunde genau die gleichen Probleme haben wie man selbst, bleibt natürlich verborgen.
Selbstverständlich fragt man sich deswegen: Was mache ich falsch und warum machen die Anderen wohl alles richtig? Aber es ist eben nur ein kleiner Teil der ganzen Geschichte. Mir sind Menschen grundsätzlich suspekt, die auf einer Art Welle der ewigen Glückseligkeit schwimmen. Vergleichen sollte man diese Selbstdarstellung mit Hollywood-Streifen, in denen innerhalb von 90 Minuten Grenzen und Probleme mit Leichtigkeit überwunden werden: Die große Liebe finden oder eine Nation verändern und für Weltfrieden sorgen. Doch dieses Kondensat hat selbstverständlich gar nichts mit der Realität zu tun und so ist es auch im Internet. Auch hier schreibt man lieber nur von seinen Erfolgen, sodass der Eindruck entsteht, alles laufe wie am Schnürchen. Die Misserfolge und Rückschläge verschweigt man lieber, wobei diese doch von wahrer Größe zeugen.
In den Kopf kam mir beim Lesen Deines Textes sofort das Bild des “Flaneurs” und das ist für sich auch kein schlechtes. Vielen fehlt diese Beobachtungsgabe für die alltäglichen Dinge und andere Menschen. Meiner Meinung nach ist es mehr Segen als Fluch, denn die “hipstoresken Studenten” interessieren sich vordergründig mehr für sich selbst und weniger für ihre Umwelt und Mitmenschen – trotz des modernen Ablasshandels via Fair-Trade Kaffee und Biogemüse. Eine Generation ist erwachsen, die immer auf der Suche nach neuen Gadgets und ständigen Höhepunkten ist. Doch da fehlt mir die Tiefe. Schlussendlich wirst Du eine absolute, unbeeinflusste Wahrhaftigkeit (“Authentizität”) nie erlangen können. So etwas erreicht man auch nicht an fremden Flecken, an denen es schöner sein _könnte_ als dort, wo man gerade eh schon ist. Zu sich finden bedeutet auch immer mal abzuschalten und lediglich zu beobachten und sich so des geschriebenen Worts, des Meinungs- und Profilierungsterrors zu entziehen.
Vielen herzlichen Dank für deinen langen Kommentar!
Es freut mich immer wieder auf’s Neue, wenn ich merke, dass “die Andern” gar nicht so anders sind als ich es bin
Wie steht es mit dir? Bist du auch Beobachter/in? Konntest du diese Gedanken, wie ich sie geschildert habe, hinter dir lassen? Ich weiss zwar schon, dass viele Fashion- und Lifestyleblogger ihr Leben beschönigt und aufregend wie in einem Hollywood-Streifen darstellen, aber dennoch geistern in meinem Kopf jene Stimmen umher, die mir ernsthaft Glauben machen wollen, dass die Realität so aussieht. In meinem Kopf hat es ziemlich viele unvernünftige Stimmen
Ich beobachte auch gerne und mag vor allem die Banalitäten des Alltags. Die “schlechten” Gedanken konnte ich hinter mir lassen, indem ich mir nach langem Grübeln endgültig bewusst werden konnte: Ich bin nicht die Anderen. Ich habe andere Ansprüche an und Vorstellungen vom Leben. Das, was in anderen Leben geschieht, ist oft nicht meine Welt und spiegelt mich nicht wider.
Oscar Wilde sagt dazu: “Most people are other people. Their thoughts are some one else’s opinions, their lives a mimicry, their passions a quotation.”
Ein Beispiel: Theoretisch könnte auch ich an diesem Strand liegen, den ich gerade in irgendeinem Tumblr entdeckt habe. Auf dem Foto sehe ich einen Mittzwanziger samt Kameratasche im Selbstportrait. Könnte auch ich sein. Könnte mir auch gefallen. Warum jedoch bin ich dann nicht gerade an einem solchen Ort? Warum habe ich bislang nicht den Drang verspürt, an einen solchen Ort zu reisen?
Vielleicht, weil es hier bereits gut ist und ich hier hin gehöre? Vielleicht, weil ich alleine an einem menschenleeren Ort unglücklich wäre, fernab von Familie und Freunden? Wo bleibt außerdem der Gedanke, solche privaten Momente zu genießen, ohne sie der Welt mitteilen zu wollen und müssen? Selbst das Foto ins Internet zu stellen wäre noch nicht mal ich…
Der Grund allen Übel ist, und das schweift vielleicht etwas vom Thema ab: In unserer heutigen Selbstoptimierungsideologie ist gut aber nicht mehr akzeptabel. Es muss immer schneller, höher, weiter. Eigentlich traurig, oder?
PS: Ich empfehle als Entspannungslektüre “The Age of Absurdity” von Michael Foley. -> http://amzn.to/rqruF9
Stimme dir vollkommen zu. Mehr bei mir selbst sein und meinen eigenen Weg verfolgen. Es ärgert mich, dass mir das noch nicht schon vor einem Jahr klar geworden ist. Zur Selbstoptimierungsideologie: Das seh’ ich auch so. Und es ist deshalb so, weil man in der Welt der schönen Bilder ständig sieht, dass “mehr” möglich wäre und wenn man nicht aufpasst und gegensteuer, ist man schon im will-haben-modus drin.
Danke dir für den Buchtipp, ich habe gerne Buchtipps
Woher kennst du eigentlich meinen Blog?