Die, die sich die Lampe füllen
Am letzten Wochenende lag für einmal nicht ich besoffen auf dem Tresen, sondern bediente Trinkwillige, die es sich hart geben wollten und sich den über die Woche hinweg angestauten Frust von der Seele saufen wollten. Gut, ich übertreibe. Aber dass ich hinterm’ Tresen stand ist wahr. Ich meldete mich als Freiwilliger Helfer an einer Studentenparty. Von 12 bis 2 Uhr mischte ich schwache Drinks und zapfte schlecht temperiertes Bier. Ich erhoffte mir von diesem ehrenamtlichen Engagement, dass ich so einige Mitstudenten kennenlernen würde. Im Verlaufe des Abends zeichnete sich jedoch immer mehr ab, dass das ein Ding der Unmöglichkeit sein würde, denn die feiernde Studentenschaft hatte grossen Durst und somit blieb mir keine Zeit für gemütliche Schwätzchen; Bier wollte gezapft und Vodka mit Red Bull gemischt werden.
So machte ich an diesem Abend (fast) keine neuen Bekanntschaften. War irgendwie aber auch egal, denn so am Tresen stehend und Alkohol ausschenkend durfte ich Zeuge mehrerer kleiner menschlicher Tragödien werden und jenem Schauspiel beiwohnen, wie es sich jedes Wochenende tausende Male, irgendwo in x-beliebigen Clubs immer und immer abspielt. Ich sah wie sich Typen aus Einsamkeit abschossen und sich die Kante gaben. Ich sah, wie sich Frust in ihren Augen breit machte, sah Hoffnungslosigkeit, sah Aggressionen. Kurzum: Ich sah menschliches, allzumenschliches.
Da war etwa jener kleingewachsene Typ mit der Nerd-Brille. Scheuer Auftritt, leise Stimme und krampfhafte Versuche amüsiert zu wirken. An meinem Tresenabschnitt war er Stammgast. Zeitweise im Viertelstundentakt tauchte er bei mir auf und bestellte sich in französischem Akzent sprechend immer wieder Vodka. Gleichsam war sein Blick bei jedem Tresenbesuch glasiger und ausdrucksloser. Das anfängliche, wenn auch verkrampfte Lächeln, war schon lange einem blassen Ausdruck von Frust und Gleichgültigkeit gewichen. Kurz vor zwei gelang es ihm dann bereits schon nicht mehr recht zu sprechen - doch das war ihm jetzt egal. Er soff weiter. Und sei es auch nur deswegen, weil jetzt eh schon alles scheissegal war. Zuletzt bestellte er sich ein Bier bei mir, nahm es mit gesenktem Blick entgegen, murmelte irgendwas vor sich hin und schlurfte wankend davon.
Da war aber auch jener andere Typ. Ein grossgewachsener Grosskotz. Reiches Elternhaus vermutlich. Und trotz allem hässlich wie die Nacht. Auch er stand immer wieder vor mir und verlangte nach «etwas zum Saufen». Er machte sich breit. Jeder sollte sehen, dass auch er da war. Mit sich im Schlepptau führte er einen unterwürfigen Kollegen, der ihn in allem was er sagte und tat zu bestätigen schien. Laut grölend zog der Grosskoktz jeweils von Dannen, als er seinen Gin-Tonic erhielt. Er schien zwar «en glatte Cheib» zu sein. Trotzdem kam er immer wieder zurück zur Bar und deckte sich mit mehr und mehr Alkohol ein und je tiefer die Nacht wurde, desto aggressiver wurde er. Seine Versuche, an der Bar irgendeine weibliche Bekanntschaft zu machen, scheiterten allesamt. Zuletzt beschwerte er sich bei mir über den Alkoholgehalt der Drinks. «Seifenwasser», «Scheisse» und «In der Schweiz bekommt man nur Tee». Ich ignorierte ihn. Zuletzt sah ich ihn gegen 3 Uhr, wie er sich mit dem Sicherheitspersonal stritt und wie jene ihn rauswarfen.
Nun ja. Kleine Tragödien des Alltags halt.
Nachdem ich meine Schicht hinter mich gebracht hatte, trat ich meinerseits an den Tresen und wollte mir erstmal einen kräftigen Vodka-Redbull bestellen; ohne irgendwelche Absichten oder Hintergedanken. Ich kam noch gar nicht wirklich zum Bestellen, als mich von nebenan her ein Mädchen ansprach und mich auf einen Shot einlud. Die Geschichte birgt wirklich nicht selten eine gewisse Ironie in sich. In meinem Leben gab es sicherlich einige Momente, in denen ich betrunken am Tresen stand und darauf wartete, dass mich irgendein Mädchen ansprechen würde. Doch es geschah nie. Und an diesem Abend, ja an diesem Abend war es mir völlig gleichgültig. Bloss über den Shot, ja über den Shot freute ich mich.
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5 Responses to Die, die sich die Lampe füllen
Sehr schön. Ich stehe hier im Norden nun jedes Wochenende hinter einer Bar. Auch für mich eine neue Erfahrung. Und die Norweger, die saufen so richtig. Aber: Sie haben doch ziemlich viel Anstand, und wenn einem Sturzbetrunkenen gesagt wird, er erhalte keinen Alkohol mehr, gibt es keinen Streit, sondern nur ein glasiger aber verständnisvoller Blick. Nicht allzumenschlich, sondern allzusympathisch. skål!
In dem Fall hast du den Job als Reisebegleiterin an den Nagel gehängt? Ja das klingt tatsächlich sympathisch. Die nordische Kultur spricht mich eh irgendwie an.
Bezüglich des Shots’, wäre ja auch möglich, dass die Kleine (wie soll ich das jetzt sagen), eine ‘Restenfickerin’ war?
Eine die bis zum Schluss wartet und die übrig gebliebenen bezirzt?
Könnte schon sein; vermutlich war ich einer der wenigen, die noch nüchtern zu sein schienen
Sie selbst war ja auch ziemlich betrunken und war irgendwie merkwürdig haha.
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