Descartes «Meditationen über die Erste Philosophie»
Ich bin gerade mit einer Philosophiearbeit fürs Studium beschäftigt und muss dazu erst einmal eine Zusammenfassung über Descartes Meditationes de Prima Philosophia erstellen. Tja, da ich das so oder so schreiben muss und offen zugängliches Wissen eine gute Sache finde, poste ich das mal hier rein. Wer nichts mit der Philosophie am Hut hat, kann es ganz einfach überlesen
Erste Meditation
Woran man zweifeln kann
Descartes fordert den Leser in der ersten Meditation dazu auf, alle Meinungen über Wahres und Falsches von Grund auf umzustürzen und von den ersten Grundlagen an neu anzufangen (I.1). Dazu sei es indes gar nicht nötig, allen Meinungen die Falschheit nachzuweisen; vielmehr reicht es, die fundamentalen Prinzipien der bisherigen Meinungen zu untergraben, woraufhin alles, was darauf gebaut ist, von selbst zusammenstürzen wird (I.2).
Auf die Sinne könne man nicht vertrauen, da man ja schon des Öfteren von ihnen getäuscht worden sei (I.3). Descartes führt nun den Einwand an, dass er sich zwar hinsichtlich gewissen Sinneswahrnehmungen täuschen könne, jedoch könne er sich nicht darin täuschen, dass er hier vor einem warmen Ofen sitze und mit seinen Händen ein Stück Papier berühre (I.4).
Diesen Einwand verwirft er jedoch gleich wieder, indem er auf den Traum hinweist: Im Traume hätten wir auch den Eindruck wach zu sein und die Wärme des Ofens zu spüren, obschon wir eigentlich schlafend im Bett liegen. Ihm wird schliesslich klar «dass nie durch sichere Merkmale der Schlaf vom Wachen unterschieden werden kann» (I.5).
Doch auch wenn wir annehmen, dass wir nur träumen würden, müssen die gegenständlichen Erscheinungen in unseren Träumen auf «dem Vorbilde wirklicher Dinge gebildet werden» (I.6). Wenngleich auch Augen, Kopf, Hände und ähnliches blosse Einbildungen sein könnten, müsste ihnen doch etwas Wirkliches zu Grunde liegen wie bspw. die Ausdehnung, die Gestalt der ausgedehnten Dinge und ähnliches (I.7).
Demnach könne man Physik, Astronomie, Medizin und alle andern Wissenschaften anzweifeln, jedoch die Arithmetik oder Geometrie nicht. Denn zwei plus drei ergibt immer fünf oder ein Quadrat hat immer vier Seiten (I.8).
Was wäre nun aber, wenn der Allmächtige es so eingerichtet hat, dass ich mir alles einbilde oder dass ich mich irre, sooft ich zwei und drei addiere oder die Seiten des Quadrats zähle? Würde Gott mich täuschen wäre dies jedoch unvereinbar mit der Gütigkeit, die ihm nachgesagt wird. Und doch täuscht er mich in Einzelfällen (I.9).
Als eine Folge dessen gewährt Descartes vorerst den möglichen Einwand, dass alles über Gott Gesagte erdichtet sei (I.10). Stattdessen führt er nun einen bösen Geist ein („genius malignus“), der sein Bestreben darauf richtet, uns zu täuschen. So sind Himmel, Luft und Erde, sowie die gesamte Aussenwelt nur Träume und wir selbst würden uns nur einbilden, einen Körper zu haben (I.12).
Zweite Meditation
Über die Natur des menschlichen Geistes; dass er der Erkenntnis näher steht als der Körper
Descartes wiederholt die Essenz der ersten Meditation: Er will alles beseitigen, was auch nur den Schein eines Zweifels zulässt und vorwärts dringen, bis er etwas Gewisses entdeckt; auch wenn dies die Gewissheit sein sollte, dass es nichts Gewisses gibt (II.1). Er nimmt nun an, dass all seine Wahrnehmungen falsch sind. (II.2).
Doch bleibt nicht etwas Unanzweifelbares übrig, auch wenn man alles anzweifelt? – Das Ich! «Auch wenn mich der böse Geist in allem täuscht, wird er nicht bewirken können, dass ich nicht sei, solange ich denke, ich sei etwas»1 (II.3).
Descartes versucht nun im Folgenden zu ergründen, wer oder was «Ich» eigentlich ist. Dazu will er von seinem alten Selbstbildnis alles im Abzug bringen, was auch nur im allergeringsten erschüttert werden kann, sodass nur Unerschütterliches übrig bleibt (II.4).
Er nahm an sich seinen Körper wahr und dass er sich nährte, ging, fühlte und dachte; diese Tätigkeiten schrieb er der Seele zu (II.5).Wenn man nun den bösen Geist wieder einführt, so muss der Körper ignoriert werden. Gleichfalls die Ernährung, das Gehen und das Fühlen, das sie vom Körper abhängig sind.
Beim Denken schliesslich werde man fündig, da es nicht von einem selbst abgetrennt werden kann. Descartes weiss nun, dass er ein «denkendes Ding» ist (II.6). Ein solches denkendes Ding zweifelt, sieht ein, bejaht, verneint, will, will nicht, stellt bildlich vor und empfindet (II.8). Descartes stellt nun fest, dass er zweifelhafte Dinge besser erkennen kann, als das Wahre.
Dafür verantwortlich sei sein Geist, dem das Abirren Freude bereite. Er will nun dem Geist noch einmal «die Zügel schiessen lassen», da er sich hernach besser lenken lässt (II.10). Es folgt die Betrachtung eines Stücks Bienenwachs, vor und nachdem es mit Feuer in Berührung gekommen ist (II.11).
Man stellt fest, dass das Wachsstück ein Körper ist, der einem kurz vorher in solchen, jetzt aber in anderen Zustandsweisen erscheint. Was übrig bleibt ist lediglich etwas Ausgedehntes, Biegsames, Veränderliches.
Die Auffassung des Wachsstück besteht nicht in einem Sehen, Berühren, sinnlichen Vorstellen; sie besteht vielmehr in einem blossen geistigen Einblick, der unvollkommen und verworren sein kann wie vordem, oder klar und deutlich wie jetzt, nachdem auf seine Bestandteile geachtet wurde (II.12).
Somit erfasse man das, was man mit den Augen zu sehen meinte, in Wahrheit nur durch das Urteilsvermögen, welches dem Geist innewohnt (II.13).
Descartes kommt am Ende der zweiten Meditation zum Schluss, «dass die Körper nicht eigentlich von den Sinnen oder von der Einbildungskraft, sondern von dem Verstand allein wahrgenommen werden, und zwar nicht, weil wir sie berühren und sehen, sondern lediglich, weil wir sie denken; und so erkenne ich, dass ich nichts leichter oder evidenter wahrnehmen kann als meinen Geist» (II.16).
Dritte Meditation
Über das Dasein Gottes
Wir wissen bis nun bis anhin, dass wir ein Ding sind, das denkt [ = Bewusstsein hat ], d.h. zweifelt, bejaht, verneint, will und nicht will, auch bildlich vorstellt und empfindet. Sinnesempfindungen (und Einbildungen) sind in uns (III.1). Gibt es noch anderes Wissen, das ausser Acht gelassen wurde? Da Descartes sich sicher ist, dass er ein denkendes Ding sei, könne man auch wissen, was dazu gehöre, um sich einer Sache sicher zu sein: All das ist wahr, was man als ganz klar und deutlich auffassen könne. Er legt dies als allgemeine Regel fest. (III.2).
Früher meinte Descartes Himmel und Erde klar erkennen zu können. Klar ist indes aber nur, dass sich Vorstellungen seinem Geiste darstellten. Er nahm die Existenz von Dingen ausserhalb seiner an, von denen diese Vorstellungen ausgehen würden. Darin aber irrte er sich entweder oder kam durch keine spezifische Erkenntnis zu diesem wahren Urteil (III.3). Bei der Arithmetik und Geometrie dachte er, dass er klar genug die Wahrheit erkennen könnte (2 + 3 = 5), jedoch bestünde ja auch hier die Möglichkeit, dass Gott in täuschen würde. Gott könnte ihn also in allen Dingen täuschen, die er auf‘s klarste zu erschauen vermag. Jedoch kann ihn Gott nicht in seiner Existenz täuschen: «das wird er doch niemals zuwege bringen, dass ich nichts bin, solange ich denke, ich sei etwas». Doch um zu klären, ob es einen täuschenden Gott gibt, muss zuerst einmal dessen Existenz geklärt werden (III.4).
Descartes teilt nun die Gedanken [ = Bewusstseinsinhalte ] in Gattungen ein und will feststellen, in welchen Wahrheit und Irrtum auftreten: Vorstellungen «idea»: Bilder von Dingen. Wenn man bspw. Menschen, eine Chimäre, den Himmel oder Gott denkt [ = im Bewusstsein hat ]. Wollungen und Affekte: Wenn man will, befürchtet, bejaht, verneint. Urteile (III.5).
Vorstellungen und Wollungen sind indes gegen Irrtum gefeit. Man müsse sich einzig bei Urteilen vor Irrtum hüten. Vorstellungen dürfen nur als eine gewisse Art des Denkens verstanden werden und nicht als Entsprechung von äusseren Dingen (III.6). Descartes unterteilt die Vorstellungen nun wiederum in angeborene, von aussen gekommen und von einem selbst gebildet. Bis hierhin ist der Ursprung der verschiedenen Vorstellungsarten unklar (III.7).
Er diskutiert zunächst die Vorstellungen, welche von äusseren Dingen herkommen. Es scheint ihm, dass die Natur ihn gelehrt hätte, diese Vorstellungen als mit äusseren Dingen ähnlich zu betrachten. Ferner entspreche es seiner Erfahrung, dass diese Vorstellungen nicht von seiner Willkür oder ihm selbst abhängen und gar oft gegen seinen Willen auftreten. Wärme empfinde er losgelöst von seinem Willen (III.8).
Descartes gibt jedoch den Sinneserfahrungen nicht viel Kredit; den Dingen, die nicht durch das natürliche Licht (Vernunft) erkannt werden können, schenkt er kein Vertrauen (III.9). Und auch wenn die Vorstellungen unabhängig von unserem Wollen sind, lässt sich damit nicht zeigen, dass sie von irgendwelchen äusseren Dingen stammen. Möglicherweise schlummert in uns bloss ein uns unbekanntes Vermögen, dass diese Vorstellungen hervorbringt; ähnlich wie wir im Traum ohne Zutun äusserer Dinge Vorstellungen entwickeln (III.10).
Und auch selbst wenn eine Vorstellung von einem äusseren Ding herrührt, folgt daraus nicht, dass sie dem Ding ähnlich sein muss. Descartes verweist hier auf die Sonne, die wir uns als klein vorstellen, wenn wir sie mit dem Auge erfassen und als gross, wenn wir sie mit astronomischen Verfahren untersuchen. Die Vernunft sagt uns, dass gerade diejenige Vorstellung der Sonne ihr am unähnlichsten ist, die doch am unmittelbarsten von der Sonne selbst herzukommen scheint (III.11).
Deshalb sei es nur ein blinder Trieb, statt ein sicheres Urteil, der einem zur Meinung veranlasst es gebe Dinge, die von einem verschieden sind (III.12).
Descartes stellt nun eine kompliziertere Möglichkeit vor, um die Existenz äusserer Dinge festzustellen. Er unterstellt den Vorstellungen ein unterschiedliches Mass an objektiver [ = vorgestellter ] Realität. Vorstellungen von Substanzen enthalten demnach mehr objektive Realität als Akzidenzien [ = Eigenschaften / Zustandsweisen ]. Stellt man sich wiederum einen höchsten Gott vor, der ewig, unendlich, allweise, allmächtig und Schöpfer aller Dinge ist, so hat diese Vorstellung wiederum mehr objektive Realität als die Vorstellung endlicher Substanzen (III.13).
Die wirkende Ursache 2 muss eben so viel Realität haben wie die Wirkung. Es kann weder etwas aus Nichts entstehen, noch etwas Vollkommeneres (d.h. mehr Realität enthaltendes) aus einem weniger Vollkommenen entspringen. Dies gilt für diejenigen Wirkungen, deren Realität formal [ = wirklich ] ist, als auch für Vorstellungen, deren Realität objektiv [ = vorgestellt ] ist. Vorstellungen beinhalten eine ganz bestimmte objektive Realität und müssen auf eine Ursache zurückgehen, die ebensoviel formale Realität besitzt, wie die Vorstellung an objektiver Realität enthält. Vereinfacht gesprochen bedeutet dies, dass eine Vorstellung nicht aus Nichts hervorgehen kann (III.14).
Die Realität einer Ursache muss indes immer formal sein. Zwar kann auch eine Vorstellung einer Vorstellung zugrunde liegen, doch setzt sich dies nicht ins unendliche fort, sondern kommt irgendwann bei einer ersten Vorstellung an, deren Ursache gleichsam das Original ist. Vorstellungen sind folglich Bilder, die in ihrer Vollkommenheit hinter den Dingen zurückbleiben können. Niemals aber können die Bilder Vollkommeneres als das Original enthalten (III.15).
Wenn die objektive Realität einer meiner Vorstellungen grösser als meine formale Realität ist und ich nicht Ursache dieser Vorstellung sein kann, folgt daraus, dass ich nicht allein in der Welt bin; es muss eine Ursache dieser Vorstellungen ausserhalb von mir existieren (III.16). Die Vorstellungen haben folgende Inhalte: Gott, körperliche und zugleich leblose Dinge, Engel, Tiere und Mitmenschen (III.17).
Die Vorstellungen von Menschen, Tieren und Engeln lassen sich aus jenen Vorstellungen ableiten, die ich von mir selbst, den Körpern und Gott habe (III.18). Descartes zeigt nun, dass die Vorstellungen von Körpern ebenfalls aus uns selbst hervorgehen können (III.19-21).
Nun liefert Descartes einen ersten Gottesbeweis: Es bleibt einzig die Vorstellung Gottes übrig, bei der es sich fragt, ob sie aus mir hat hervorgehen können. Gott ist eine unendliche, unabhängige, allweise, allmächtige Substanz, von der wir und alles, was etwa ausserhalb uns existiert, geschaffen worden ist. Die Vorzüge dieser Vorstellung sind so gross, dass sie nicht aus uns selbst hervorgegangen sein kann. Deshalb existiert Gott notwendig (III.22).
Wir haben eine Vorstellung von Substanz, weil wir selbst Subtanz sind. Wir haben aber auch eine Vorstellung einer unendlichen Substanz, die folglich nicht aus uns hervorgehen kann, da wir endlich sind. Folglich muss sie aus einer unendlichen Substanz hervorgehen (III.23).
Dabei würden wir die unendliche Substanz nicht bloss durch Negation der endlichen erfassen, sondern wir würden erkennen, dass die unendliche Substanz mehr Realität enthält, als die endliche; d.h. die Vorstellung Gottes geht der des Ich voraus. Wenn ich zweifle oder begehre rekurriere ich auf die Vorstellung eines vollkommenen Seins, welche wiederum auf Gott zurückgeht (III.24).
Alles, was ich klar auffasse und das meines Wissens eine gewisse Vollkommenheit enthält, ist somit in Gott gleich wirklich oder in höherem Seinsrang enthalten. Die Vorstellung von Gott ist damit die wahrste, klarste und deutlichste aller meiner Vorstellungen (III.25). Descartes hinterfragt ist nun: «Vielleicht sind all jene Vollkommenheiten, die ich Gott zuschreibe, irgendwie in mir angelegt?» Er bezieht sich darauf, dass sich unsere Erkenntnis allmählich erweitert und irgendwann könnten wir zur göttlichen Vollkommenheit gelangen (III.26).
Dies sei jedoch unzutreffend. I. Sei gerade der allmähliche Erkenntnisgewinn Zeichen der Unvollkommenheit II. Könne auch bei exponentiellem Wachstum nie Unendlichkeit erreicht werden III. Könne objektives Sein der Vorstellung nicht durch potentiales Sein, das eigentlich Nichts ist, hervorgebracht werden, sondern bloss durch formales Sein (III.27). Descartes fragt sich nun, ob Ich, der die Vorstellung eines Gottes hat, auch ohne dessen Existenz sein könnte (III.28).
Unsere Existenz hätten wir von uns selbst, unseren Eltern oder irgendeinem weniger Vollkommenen Ding als Gott; Gott selbst liesse sich für den Moment denken, noch dichten (III.29). Wäre ich aus mir selbst, so würde ich jedoch nicht zweifeln oder begehren; ich wäre vollkommen und somit selbst Gott (III.30).
Nun betrachtet Descartes die Zeit, welche sich in unzählige kleine Teile zerlegen lässt. Daraus, dass wir im vorhergehenden Augenblick gewesen sind, folgt keineswegs, dass wir auch jetzt sein müssen. Eine Ursache muss mich vielmehr in diesem Augenblick von Neuem erschaffen bzw. erhalten. Um zu schaffen und erhalten ist dieselbe Kraft notwendig (III.31).
Besitzen wir eine solche Kraft, mit der wir bewirken können, dass das Ich im jetzigen und folgenden Augenblick erhalten bleiben wird? Wir müssten uns dieser Kraft bewusst sein, wenn wir sie denn besässen. Doch dies tu ich nicht und kann daraus folgern, dass ich von einem von mir verschiedenen Seienden abhänge (III.32).
Doch vielleicht ist dieses Seiende gar nicht Gott , vielleicht bin ich von meinen Eltern oder einer weniger vollkommenen Ursache als Gott hervorgebracht? Ich erinnere mich daran, dass in der Ursache mindestens ebensoviel Realität enthalten sein muss, wie in der Wirkung. Folglich muss die Ursache meiner selbst ebenfalls ein denkendes Ding sein, begabt mit der Vorstellung aller Vollkommenheiten, die ich Gott zuschreibe. Ist nun diese Ursache durch sich selbst oder Gott entstanden? Wenn sie aus sich selbst entstanden ist, ist sie Gott. Ansonsten liegt ihr wiederum eine Ursache zugrunde. Wiederhole ich dies genügend oft, gelange ich ultimativ zu Gott (III.33).
Man kann dies nicht ins Unendliche fortsetzen, da diese Ursache mich einerseits ins Leben rief und andererseits gegenwärtig erhält (III.34). Auch kann man nicht annehmen, dass verschiedene Teilursachen bei meiner Entstehung mitgewirkt hätten. Denn die Unteilbarkeit und Einheit ist eine wesentliche Eigenschaft der Vollkommenheit Gottes (III.35).
Was meine Eltern angeht, so sind nicht sie es, die mich erhalten. Auch haben sie mich nicht hervorgebracht, sondern nur jenem Stoffe gewisse Anlagen mitgeteilt, indem mein Geist innezuwohnen meint (III.36). Meine Vorstellung von Gott habe ich nicht von den Sinnen erhalten. Auch kann ich sie mir nicht selbst gebildet haben, da ich ihr nichts wegnehmen und nichts hinzufügen kann. Es bleibt nur, dass sie mir angeboren ist, wie auch die Vorstellung meiner selbst (III.37).
Wenn ich meinen geistigen Blick auf mich selbst richte, so stelle ich fest, dass ich unvollkommen und von einem andern [Seienden] abhängig bin und ohne Ende nach immer Grösserem und Besserem strebe. Gleichzeitig erkenne ich auch, dass jener, von dem ich abhängig bin, das Höhere, das ich erstrebe, nicht etwa unabgeschlossen und potentiell, sondern aktuell und unendlich in sich schliesst, also Gott ist. Im Übrigen kann Gott nicht täuschen, denn Lug und Trug entspringen einem Mangel (III.38).
- «Nachdem ich so alles genug und übergenug erwogen habe, muss ich schliesslich festhalten, dass der Satz ‹Ich bin, Ich existiere›, sooft ich ihn ausspreche oder im Geiste auffasse, notwendig wahr sei. ↩
- Man muss aufpassen, dass man nicht einen zu modernen Kausalitätsbegriff verwendet. Es geht nicht um Kräfte zwischen Ursache und Wirkung, sondern um Eigenschaftsübertragung von der Ursache auf die Wirkung. Im Vergleich zur Tradition (aristotelische Naturphilosophie) muss bei Descartes keine Ähnlichkeit von Ursache und Wirkung gegeben sein. Gott hat eine Natur, die in der Lage ist, Materielles aus sich heraus zu erschaffen, ohne selbst eine solche Eigenschaft aufzuweisen ↩
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