Der katemodische Imperativ
Ich ging gestern mit einer Handvoll Freunden aus, obschon das Wetter beschissen war. Es zog uns zur Langstrasse hin. Auf unserem Weg dorthin kamen wir an einem Häuserblock vorbei, in deren Parterrewohnung gerade eine WG-Party im Gange war. Wir beschlossen spontan, der Feier ebenfalls einen kurzen Besuch abzustatten.
Nun ja, es war irgendwie speziell. Die feiernde Meute – Publizistikstudenten, die ihren Bachelor-Abschluss feierten – bestand zu einem grossen Teil aus jenem Schlag Mensch, den ich jeweils als Szeni bezeichne. Den Szeni erkennt man daran, dass er sehr auf sein Äusseres achtet. Der männliche Szeni trägt jeweils V-Neck-Shirts, einen schiefen Pony, Röhrenjeans und Sued Shoes. Die Szeniin erkennt man am hochsitzenden und enggeschnittenen Mini-Rock, dem mit blumenmotiven geschmückten Hemd, den langen Haaren und den rot geschminkten Lippen.
Ja der Szeni, ich weiss nicht recht, wie ich zu ihm stehen soll. Mit ihm verbindet mich sowas wie eine Hassliebe. Obschon ich keinen einzigen persönlich kenne. Meine Hassliebe bezieht sich denn wohl auch bloss auf die gängigen Klischees. Einerseits gefällt mir seine Affektiertheit, andererseits verängstigt sie mich und stösst mich ab; deute ich sie doch auch gerne als Arroganz. Was aber unter’m Strich bleibt, das ist, dass der Szeni für mich ein fremdes Wesen bleibt, mit dem ich mich nicht zu unterhalten weiss oder getraue. Er bleibt Projektionsfläche meiner Phantasie und regt mich zum Nachdenken an. Seine Modebewusstheit.
Meine gestrige Begegung mit dem Szeni liess mich an eine Zeit zurückdenken, als ich mich in eine ähnliche Richtung entwickelte. Das war vor etwas mehr als einem Jahr. Ich war damals von dem Wunsch beseelt, dieses «urbane Leben» zu leben – was auch immer das heissen mag. Ich verband das Klischeebild des Szenis mit einem gewissen Lebensstil, welcher mir gefiel. Irgendwie wollte ich auch Teil dieser Szene werden. Wollte dieses Leben leben.
In jener Zeit setzte ich mich intensiv mit Mode und Musik auseinander und kopierte den Stil des Szenis. Es war ein bewusstes Sich-Dafür-Entscheiden und es war anstrengend – ganz anders als wenn man sich von Natur aus für eine Sache begeistern würde; so wie es bei mir bspw. für die Literatur der Fall ist. Auf Dauer wurde es mir zu mühsam und ich erkannte auch, dass ich einem Ideal nacheiferte, welches nicht meinem Naturell entsprach. Ich ging in der Folge wieder meinen eigenen, merkwürdigen Weg.
Jedenfalls. Als ich gestern so verloren in dieser Parterrewohnung herumstapfte und so über oben gesagtes nachdachte, da stellte ich mir die Frage, wie viele der hier Anwesenden wohl ähnlich mir damals diesem katemodischen Imperativ verfallen waren; wie viele von ihnen beugten sich dem Druck zur Uniformität, um zur Szene dazugehören zu können; wie viele von ihnen beugten sich dem Druck, um einen bestimmten Lebensentwurf leben zu können?
Oder aber ist es gar anders rum: Beugten sie sich überhaupt nicht einem Druck und taten nur das, was ihnen natürlich erschien? Es wären zu beneiden! Denn in meinem Fall und das macht es schlimm, war es ja stets so, dass ich diesen Druck spürte und Dinge bewusst tat, um einen Lebensentwurf verwirklichen zu können. Am Ende und das dachte ich auch gestern wieder, ist es schrecklich, wie wenig in meinem Leben unbedacht und spontan geschieht. Bloss ab und an, in den Momenten des Suffs, pausiert der Zensor in meinem Kopf und ich geniesse zumindest einige Stunden lang Narrenfreiheit. Das, nun ja, es ist irgendwie betrübend.
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