Dastan, der Schmerzensmann
Vor ein paar Tagen teilte ich auf Facebook einen Link zu einem Artikel mit dem merkwürdigen Namen «Schmerzensmänner». Die Autorin vertritt darin grob gesagt die Ansicht, dass junge Männer von heute in einer Sinneskrise stecken würden, welche durch den Wandel der letzten 30 Jahre verursacht worden sei. Ferner schreibt sie, dass wir jungen Männer zu reflektiert im Bezug auf unsere Gefühle seien und im Hinblick auf Frauen und Beziehungen nicht den notwendigen ersten Schritt machen würden. Anstatt unserer Angebeteten unsere Liebe zu gestehen würden wir merkwürdige Dinge tun, wie ihr ein Mixtape zu schenken, auf dem wir dann «Ich gebe zu, dass ich dich mag» nuscheln würden. Diese “neue männliche Innerlichkeit” würde auf Frauen zu kompliziert “und auf die Dauer furchtbar unsexy” wirken.
Der Artikel kam bei meinen Facebook-Freunden durchwegs schlecht an. «Eifach öppis» meinte einer; mal wieder ein Versuch traditionelle Rollenbilder als «natürlich» und neues als «künstlich», nicht überlebensfähig, blosse Modeerscheinung darzustellen. Zudem hätte es in der Geschichte immer wieder solche Schmerzensmänner wie bspw. Goethes «Werther» gegeben; man könne also mitnichten von einer Entwicklung der letzten dreissig Jahre sprechen.
Ich gebe zu, dass man den Artikel durchaus derart lesen und interpretieren kann. Zudem mindert die Autorin Nina Pauer den Wert ihres Textes, indem sie unnötigerweise grobmaschig verallgemeinert. Nicht jeder junge Mann ist ein verklemmter, von Selbstreflexion zerfressener Waschlappen, der sich nicht getraut «ich liebe dich und ich will dich!» zu sagen. Es gibt genügend mit Testosteron vollgepumpte Vollpfosten und Prolls da draussen; wie sonst sollte man sich den Kult um Kotzbrocken à la Charlie Harper oder Barney Stinson erklären? Aber item.
Pauer hat in meinen Augen völlig Recht, dass diese Gefühlsduselei, in Kombination mit der Unfähigkeit zu sagen was ist, furchtbar unsexy macht. Ich saug mir das nicht irgendwie aus den Fingern, sondern musste es schon genug oft am eigenen Leibe erfahren, da ich selbst über lange Zeit hinweg ein solcher melancholischer Gefühlsdepp war und auch heute noch manchmal bin. Pauer beschreibt ein Verhaltensmuster, das Männer einfach unattraktiv macht. Und ja, ich glaube, dass der lange Arm der Evolution hier seine Hand im Spiel hat. Ich habe schon genug oft die Erfahrung gemacht, dass ich mit einer Frau mehrere male ausgehen kann, tiefgründige Gespräche führen und eine tolle Zeit mit ihr verbringen kann und dass am Ende genau rein gar nichts passiert, wenn nicht ich, also der Mann, den entscheidenden Schritt auf sie zu macht und sie küsst.
In einem Kommentar zum besagten Artikel schreibt Ktinka auf ihrem Blog:
Ist es nicht viel schöner, wenn ein Mensch so sein darf, wie er ist? Wenn Männer die gleiche Musik hören dürfen wie Frauen, Frauen aber auch Fußball spielen und wenn es ihnen beliebt Männer am laufenden Band aufreißen dürfen.
Mein Gott, natürlich wäre das viel schöner! Ich würde mich im siebten Himmel wähnen, wenn in einem Club einmal ein Mädchen auf mich zukommen und mir ins Ohr flüstern würde, dass sie mich ficken möchte. Aber das geschieht nicht. Und weshalb nicht? Weil viele Frauen zu sehr so sind, wie sie eben sind. Es geschieht nicht, weil die Emanzipation das biologische Erbe in den liebenswerten Damen eben doch nicht gänzlich ausradieren konnte.
Schon manch eine Bekannte hat mir unter Verlegenheit gestanden, dass sie ja auch für Gleichberechtigung und sicherlich nicht altmodisch sei, jedoch hätte sie es eben schon lieber, wenn der Mann den ersten Schritt machen würde. Oder ich hörte den Satz: «Ich mag dich, aber es geschah einfach nie etwas zwischen uns und ich hätte mir gewünscht, dass du den ersten Schritt machen würdest.»
Was Viele am Artikel falsch zu verstehen scheinen: Es geht nicht darum den grobschlächtigen, im Sexshop ein- und ausgehenden Patriarchen zu reetablieren. Pauer will sagen (und allem Anschein nach denkt sie selbst so), dass viele Frauen, trotz Emanzipation und allem drum und dran, Männer bevorzugen, die den ersten Schritt machen. Es geht darum einzusehen, dass Männer mit einem gewissen Verhaltensmuster bei einem (wohl nicht unerheblichen Teil) der Frauen nicht gut genug ankommen. Das ist alles! Und es geht nicht um Sinneskrise des Mannes oder sonstigen Ish!
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2 Responses to Dastan, der Schmerzensmann
Uff, Rollenbilder. Als Mann des 21. Jahrhunderts fühlte ich mich beim ersten Lesen von Pauers Artikel natürlich angegriffen. Schließlich wurden wir genauso rücksichts- und verständnisvoll erzogen wie sie es beschrieben hatte. Es fühlte sich immer richtig an und schien letztenendes doch falsch zu sein. Hmm.
Liest man Pauers Text zwischen den Zeilen, merkt man (zusätzlich zu dem, was Du schreibst) aber auch, dass sie einfach auf der Suche nach dem perfekten Gesamtpaket (der berüchtigte Prinz auf dem Pferd) ist. Nicht zu hart, nicht zu weich und manchmal dominant.
Stimmt, das fiel mir auch auf. Diese ganze Geschichte mit dem Mixtape und so; las sich in meinen Augen fast ein wenig so, als wären eigene schlechte Erfahrungen der Beweggrund zum Schreiben dieser Story gewesen. Jänu ^^