Das SP-Kabäuschen
An der Walder Bahnhofstrasse, eingeklemmt zwischen dem Dönerhaus und dem Videoverleih, hat es eine niedrige Türe. Durch deren Fensterchen kann man kaum in das dahinterliegende Zimmerchen sehen. In jenem Zimmerchen befindet sich die Parteizentrale der Walder Sozialdemokraten. Und auch wenn das SP-Kabäuschen noch so klein ist, bin ich froh darüber, dass es da ist. Denn ab und an kommt es vor, dass die alten Genossen ihre Bücherregale entrümpeln und allerlei Bücher vor dem Kabäuschen zum Verkauf feilbieten – für 2 Franken das Stück.
Als ich letzthin mal wieder am zentralen Machtapparat der Sozialdemokraten vorbeikam, waren dort wieder die Bücher in der Auslage . Unter Anderem Wolfgang Röds’ Geschichte der Philosophie, die neu 48 Franken kostete und nun nur noch 2 Franken. Natürlich griff ich da zu. Ob ich das Buch innert nützlicher Frist lesen werde, ist zwar wieder eine andere Frage, aber sei’s drum. Da ich jedoch zuerst noch einkaufen musste und ich mich in der Migros nicht als elender Streber outen wollte, nahm ich mir vor, das Buch beiseite legen zu lassen.
Behutsam klopfte ich an das Türchen. Aus dem inneren drang ein verwundertes “Ja?”. Gleichsam wie ich behutsam an das Türchen klopfte, öffnete ich es. Im inneren sassen an einem Tischchen zwei Frauen um die Fünfzig. Sie schienen gerade noch über irgendwelchen Unterlagen gebrütet zu haben und starrten mich jetzt umso ertappter an, als ich das Räumchen betrat. Beiden glitt ein fragendes Grüezi über die Lippen und es wirkte fast so, als sei Besuch – und erst noch von einem jungen Menschen – etwas Seltenes im Kabäuschen. Als ich ihnen mein Anliegen erklärte, erstrahlten ihre zuvor matt und abweisend wirkenden Gesichter plötzlich.
“Ja natürlich können sie das”, meinte die älter Aussehende. Ich verliess die Beiden und widmete mich meinem Einkauf. Als ich zurückkam und ihnen zwei Franken auf den Tisch legte, strahlten beide wieder. “Hend sie gseh? Mir hend no es zweits Band vo dem Buech”, meinte wiederum die Ältere. Da war aber keines, denn ich hatte jedes Buch zuvor einzeln in der Hand gehabt, entgegnete ich ihr. Diese murmelte nun etwas vor sich hin: “Ja, hmm, aso vilicht hanis, hmm aso – nei denn chömed sie doch eifach es anders mal wieder verbi, denn hets sicher öppis Ähnlichs.” Etwas vergeistigt sind sie ja schon, die alternden Genossen, aber genau das macht sie irgendwie sympathisch.
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