Das Alki-Pärchen
Wie ich hier wohl schon einige Male erwähnt habe, ist der Wald-Imbiss meine Lieblings-Dönerbude. Ich liebe diesen Ort. Dies nicht nur deshalb, weil ich dort immer mit »Hallo Bruder!”« empfangen werde und sie dort wissen, dass ich meinen Döner im Taschenbrot, ohne Tomaten und nur mit Joghurt-Sauce will. Nein, ich hab’ die Bude auch deshalb gerne, weil sich dort das wahre Leben abspielt. Ungeschminkt und derb. Während gescheiterte Existenzen beim vierten Bier angekommen sind, schütteln über ihnen im LCD-Fernseher austauschbare Pop-Sternchen ihre Brüste und verleihen der Szenerie die ihr gebührende Absurdität.
Irgendwo dazwischen sitze dann jeweils ich und beobachte das Geschehen. Heute war das Alkoholiker-Pärchen wieder da. Er ist wohl ungefähr 40 Jahre alt. Sein Gesicht ähnelt einer Kartoffel; irgendwie unförmig und zerfurcht aber doch auf seine Art schön. Er wirkt gequält und vom Leben überfordert – ein guter Typ, der einfach Pech hatte. Depression, Jobverlust, Alkohol, Sozialfall.
Und sie, sie muss wohl ein wenig älter sein als er. Ihr langes, braunes Haar ist am Ansatz bereits leicht ergraut. In Ihrer Jugend war sie vermutlich einmal ein begehrtes Mädchen; in ihrem Gesicht liegen noch immer Züge einstiger Schönheit. Und doch befinden sich diese Spuren jugendlicher Frische und Jungfräulichkeit auf einem aussichtslosen Rückzugskampf gegen das Alter, das immer tiefere Furchen in ihre ehemals glatte und sanfte Haut schneidet. Das Rauchen und Trinken trägt wohl seinen gebührenden Teil dazu bei.
Als sie und ihr Freund heute im Imbiss sassen, war es ungefähr 11.30 und sie bereits betrunken. Vor ihr stand ein Glas Bier, das sie weitgehend emotionslos anstarrte. Bloss Trauer stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihr Freund mit dem Kartoffelgesicht sprach liebevolle Worte zu ihr, küsste sie sanft auf die Wange und versuchte sie verzweifelt aufzuheitern. Doch es half nichts. Ihre Tristesse blieb.
Nachdem sie ihr Glas getrunken hatte, bestellte sie mit unsicherer Zunge ein Weiteres. Der Dönermann erkannte die Situation und versuchte es ihr mit wohlwollender Stimme auszureden. Er meinte, dass bald viel Kundschaft komme und jene Platz brauche. Jetzt sagte sie mit weinerlicher Stimme, das sie in diesem Fall schon jetzt bezahlen werde, aber noch ein Bier wolle. Der Dönermann erwiderte sanft, dass sie doch über den Mittag nach Hause gehen und sich erholen solle und dann nachmittags wieder kommen könne.
Doch sie wollte ihr Bier jetzt! Sie klang nun gleichermassen verzweifelt wie wütend und wiederholte, dass sie das Bier jetzt schon bezahlen werde. Der Dönermann schien ob der Situation auch zunehmend verzweifelt. Man sah ihm an, wie sie ihm Leid tat. Der Freund der Alkoholikerin, ausnahmsweise noch nüchtern, versuchte seine Liebste zu beschwichtigen und sie abzulenken. Es gelang ihm schliesslich, sie zur Tür zu bewegen. Im Vorbeigehen legte er 20.- auf einen Tisch und meinte es sei gut so.
Wortlos sahen alle betrübt den Beiden nach. Einzig Marit Larsens’ Gesang drang gedämpft aus den Lautsprechern des LCD-Fernsehers.
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4 Responses to Das Alki-Pärchen
Aller Tragik zum Trotz. Genau diese Facetten gehören eben in dieses Oberland. Schön und dann eben doch nicht. Wann ich denn dann mal wieder in Deinen Gefilden bin, dann will ich gerne mit Dir auf einen Döner vorbei kommen. Mein Türke des Vertrauens (in Rüti nottabene) ist nebem Kopierappearteverkäufer in Rüti.
Bemerkenswert auch – nebst dem gut geschriebenen Text – ist auch die soziale Funktion dieses Treffs und deren Besucher, welches ja eigentlich alles Fremde und doch irgendwie Verwandte und/oder Bekannte sind.
@Der Bebilderer: Du meinst wohl Seyrek Kebab, gleich neben dem Simonelli
Den kenn ich auch gut, ist der Onkel eines guten Freundes, der diesen Schuppen betreibt. Die Welt ist schon klein haha. Das können wir gerne einmal machen! Meld dich doch einfach, solltest du mal in der Nähe sein.
@Titus: Danke für die Blumen
Ja, es ist tatsächlich so, dass sich dort Leute aus verschiedensten Kulturkreisen und Bildungsschichten treffen und miteinander über dies und das reden. Der Imbiss bringt so Leute zusammen, die sonst eigentlich nichts miteinander zu tun hätten. Finde das eine schöne Sache..
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