Monsieur Croche

8. August 2011

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Cansu

Wenn ich so darüber nachdenke, dann hätte ein Groschenroman nicht ähnlicher beginnen können. Aber es trug sich alles tatsächlich so zu.

Ich befand mich damals, vor ziemlich genau einem Jahr, auf der Flucht in den Süden. Mein Leben kam mir wie ein Trümmerhaufen vor. Ich wusste nicht mehr, wer ich bin, wohin ich will und war in Anbetracht meines bisherigen Lebens und der Liebe zusehends konsterniert; weshalb fühlte ich in all meinen bisherigen Beziehungen nie annähernd das, was ich mir davon versprach? Woher rührte diese Taubheit des Herzens, wenn es doch das schönste Gefühl der Welt sein sollte? Wo blieb das verrückte, berauschende und ungebremste Verlangen nach dem geliebten und begehrten Mädchen?

Ziemlich genau zu jenem Zeitpunkt, als mein Zug den Gotthard passierte und die Landschaft zunehmend südlichere Charakterzüge annahm, zog ich die neuste Ausgabe von «Das Magazin» aus meinem Rucksack, blätterte einige Seiten darin und blieb plötzlich an einer Fotografie hängen. Abgebildet war ein unglaublich schönes Mädchen, mit derart warmen und gütigen Augen, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte. Ein längst vergessen geglaubtes Gefühl von Aufregung und Begehren durchfuhr mein Herz, ja meinen ganzen Körper und ich wusste: «ich muss sie finden!» Der Name des portraitierten Mädchens war Cansu und für ein Mädchen ihres Alters sagte sie unendlich weise Worte voller Einsicht und Demut, was mein Verlangen nach ihr nur noch grösser machte.

Das Leben lehrt einem nur all zu oft, dass solche Herzenswünsche nicht in Erfüllung gehen werden und Sehnsüchte eines romantischen Geistes bleiben müssen. Doch nicht in diesem Fall: In diesem Fall war alles anders! Ich fand irgendwie eine Möglichkeit mit ihr in Kontakt zu treten und wir fanden schon sehr bald heraus, dass wir uns mehr als sympathisch waren und wir trafen uns ein erstes Mal. Sie blieb über die Nacht und ich verliebte mich in diesem Stunden in alles an ihr; in die Art und Weise wie ihr Haar nach Milch und Honig duftete, in den Klang ihrer Stimme, in die Art wie sie mich umarmte, als wir zusammen einschliefen.

Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich unendlich glücklich und vollkommen. «Ich fühle mich deiner Seele so nah, als ob meine mit deiner verwachsen wäre» – ich hatte einem Mädchen noch niemals solche Dinge gesagt; ganz einfach deshalb, weil es sich noch bei keinem so anfühlte. Aber Cansu war anders, mit ihr war alles anders. Ich hatte noch nie so ein Mädchen kennengelernt; so herzlich, bescheiden und hilfsbereit. Von ihr geliebt zu werden ist ein himmlisches Glück auf Erden.

Doch sie war auch sehr sensibel, von wechselhaftem Temprament und ein Wildfang. Es vertrug sich schlecht mit meinen Unsicherheiten und mit meiner auf Beständigkeit bedachten Wesensart. Zudem tat ich immer mal wieder Dinge, mit denen ich sie verletzte und sie von mir entfremdete. Ich Idiot beendete die Beziehung drei Mal und nach dem dritten Mal war es zu spät. Ich kämpfte zwar um sie, doch gewann sie nicht mehr zurück. Das Leben macht einem manchmal ein Geschenk – wer es nicht zu schätzen weiss, der ist am Ende selbst schuld.

Das Einzige, was nun noch bleibt, sind Erinnerungen: Ich sehe uns beide, wie wir auf einer Treppe beim Hauptbahnhof sassen und uns zusammen ein Kartoffelgratin teilten; wie wir nach einem Kinobesuch derart verliebt und eng umschlungen durch die Langstrasse gingen, dass ein verrückter Schwarzer uns «you must be happy, man!» zurief und freudig vor sich hinlachte; wie wir uns in einer selten klaren Nacht den Sternenhimmel anschauten, wie wir bei ihr im Bett lagen und uns gegenseitig aus Sturmhöhe und Stolz und Vorurteil vorlasen; wie ich mich in einem Club an einer Glasflasche schnitt und sie mein Blut leckte; wie wir uns gegenseitig mit Nutella Schnauzer malten; wenn sie nach einem Albtraum aufwachte, mich eng umarmte und mir sagte, dass sie mich liebt.

Ich könnte diese Liste wohl noch um einiges verlängern. Es macht aber keinen Sinn. Der Zug ist definitiv abgefahren. Damit muss ich irgendwie lernen, klar zu kommen.

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