Vor einiger Zeit las ich einen Artikel von Constantin Seibt, in welchem er über das Dasein als deutscher Secondo in der Schweiz sinnierte. In diesem schrieb er: «Der Unterschied vom eingebürgerten zum geborenen Schweizer ist, dass diese ihre Familie ohne Katastrophen und ohne Politik begreifen können. Ich nicht.»
Wenige Zeilen, die aber doch einen Umstand beschreiben, von dem ich mich nicht selten auch betroffen fühle. Zumindest dann, wenn ich mich der Biographie meiner Mutter vergegenwärtige; gegen Ende des zweiten Weltkrieges in einem ländlichen Gebiet Österreichs geboren, wurde sie von ihrer Mutter zur Adoption frei gegeben. So wuchs sie alleine bei ihrer Stiefmutter auf, deren Mann in Stalingrad gefallen war. Hungersnot, die sowjetische Besatzung und viele unschöne Erlebnisse gehören zu den ersten Erinnerungen meiner Mutter.
Das Geschichtliche hat das Leben meiner Mutter geprägt und tiefe Spuren in ihr hinterlassen. Ich weiss nicht, ob diese jemals heilen werden. Ich merke nur, wie das Erbe der Geschichte auch auf mir lastet. Auseinandergerissene Familien, Schmerz, Trauer und Wut scheinen in mir fort zu leben. Und so kann ich gar nicht anders, als mein Leben in steter Beachtung des historischen zu betrachten.
Eine Eigenheit, die mich von Altersgenossen unterscheidet, wie mir manchmal ist. Ihr Denken scheint viel mehr in der Gegenwart verwurzelt zu sein und dem Geschichtsverständnis scheinen sie keinen allzu grossen Stellenwert einzuräumen. Ja, ihr Leben scheint letztlich von einer mir fremden Leichtigkeit und Sorglosigkeit erfüllt zu sein.
Ich hingegen fühle mich nicht selten entrückt und entfremdet, wenn ich unser weitgehend harmonisches Leben betrachte und auf das blicke, zu was Menschen fähig sind. Es ist dann alles so absurd und ich muss gelegentlich lachen. Es ist das hilflose Lachen eines Irren. In besonders bösen Momenten frage ich mich, ob Wohlstand und Überfluss unserer Zeit, bloss ein grosses Leintuch bilden, das seit nunmehr 60 Jahren dürftig über den tiefen Abgründen des Menschlichen gespannt ist.
Und dann: Was bringt die Zeit? Wie wird die Geschichte weitergeschrieben werden? Drohen uns Versorgungsengpässe? Sind die internationalen Institutionen unserer Zeit stabil genug, um Konflikte friedlich beilegen zu können? Und vor Allem: Ist die Menschheit fähig, aus ihren Fehlern zu lernen?
Letztlich ist es wohl aber so, dass das Wissen um die Geschichte zum Zweifel ermutigt. Zum Zweifel gegenüber der Welt, aber auch zum Zweifel gegenüber sich selbst. Und so kann ich, um den Bogen zu schliessen, auch in Seibts Schlussworten eine Entsprechung bei mir finden. Bezogen auf das Erbe der Geschichte schreibt er selbstkritisch: «Die Zeiten haben sich geändert – jeder ist Kind seiner Zeit. Und Kinder erben, was sie wollen. Ich denke, das kleine Stück Leere im Zentrum meines Herzens ist nur mein Erbe, weil ich es mochte.»
der text von seibt war schlicht grandios. und vor allem seine konklusion. ich glaube zwar nicht, dass jeder nur erbt, was er will, aber ein stück weit hat er sicher recht.
ich kenne das secondo-dasein nicht. doch mein grossvater wuchs noch in ganz anderen verhältnissen auf als ich. er war ein bauernkind im berner oberland. mit 14 wurde er zuhause weggeschickt, ins internat. das war seine grosse chance. und doch hat das auch in ihm vor allem leere hinterlassen. noch heute – er ist mittlerweile 94 – erzählt er davon. nie konnte er es richtig verarbeiten. darunter leiden liess er seine kinder – meinen vater. und dieser, und da hatte ich echtes glück, gab die enttäuschung und die schläge nicht weiter.
insofern hat seibt recht. und doch muss jeder mit seinem erbe leben. meine hoffnung ist aber, dass jede generation versucht, aus den fehlern der letzten zu lernen. meist geht es nur in kleinen schritten vorwärts, aber immerhin…
Ein sehr schöner Text, den ich ganz still gelesen habe. Danke.
@Sarah: Ja, insgeheim bin ich ebenfalls zuversichtlich, dass die Menschheit aus ihren Fehlern lernt. Jedoch ist es ein ständiges Ankämpfen gegen das Vergessen und Ignoranz und Verklärung der Vergangenheit sind eine gefährliche Sache. Ich denke da besonders an das Erstarken der rechten Bewegung in Ostdeutschland. Irgendwie beängstigend…
@Thinkabout: Vielen Dank für deine netten Worte