Ich muss meinen Haupt ein weiteres Mal mit Asche beschütten. Was hatte ich doch nicht alles wieder für Vorurteile gegenüber der Zürcher Uni-Besetzung? Na gut, bis gestern waren sie einigermassen berechtigt, da die Besetzung für mich schon eine zu linke Couleur trug. Mit Lenin-Köpfen und Spruchbänder à la “Mach kaputt, was dich kaputt macht”, kann ich tatsächlich nicht viel anfangen. Seitdem gestern jedoch vom Plenum beschlossen wurde, dass ideologische Parolen und Symbole zu unterlassen sind, bekunde auch ich mich mit den Besetzern solidarisch.
Denn Bologna erschwert mein Studium in einigen Punkten ziemlich, weshalb ich Reformen schon für notwendig halte:
- Der modularisierte und verschulte Aufbau des Studiums: Da ich eine Prüfung nicht bestanden habe, muss ich ein Jahr warten, um das Modul nachzuholen. Weshalb keine Nachholprüfungen? Da ich dieses Modul nicht bestanden habe, konnte ich faktisch nicht weiterstudieren. Ich sitze in der Assessement-Stufe fest und verliere so ein Jahr, obschon ich ansonsten alle anderen Prüfungen ziemlich gut bestanden habe. Das ist mehr als ärgerlich.
- Die Mobilität klappt nicht: Ich weiss nicht, wie ich ein Austausch-Semester an einer anderen Uni belegen sollte, wenn ein Modul zwei Semester lang dauert.
- Oberflächliches Studium: Die einzelnen Module sind stark komprimiert. Es wird viel Stoff vermittelt, den man aber leider nicht vertieft behandeln kann, da schlicht und einfach die Zeit dazu fehlt.
Heute war ich im besetzten Saal und musste, wie gesagt, mein Urteil revidieren. Das Plenum verhandelte fast ausschliesslich sachbezogen und ohne ideologischen Verklärung. Ich denke zwar nach wie vor in einigen Punkten anders. So finde ich es nicht so schlimm, wenn Sponsoren aus der Privatwirtschaft der Uni Geld zusprechen. Aber im Grossen und Ganzen kann ich die Forderungen der Besetzer unterstützen. So z.B. sollte der Zugang zu Stipendien vereinfacht und an der Bildung generell nicht gespart werden – sie ist eine unserer einzige Ressourcen, die wir hier in der Schweiz haben.
Heute Gestern wurde jedenfalls noch ein Live-Stream eingerichtet, der wegen Big-Brother-Paranoia einer Mehrheit im Plenum leider bisher ohne Ton daherkommt
Der Saal bleibt übrigens während des Wochenendes besetzt und man darf gespannt sein, wie sich die Sache weiterentwickelt.
Noch einige Links zur Bewegung:
- Live-Ticker der Zürcher Studierendenzeitung zur Besetzung
- Facebook-Gruppe
- unsereuni.ch (schweizweite Bewegung)
Stimmen anderer bloggender Studenten zum Thema:
Das mit dem Livestream ist schade, aber ein Stück weit nachvollziehbar. Im Minimum die Referate (obwohl das nicht zwingend der spannendere Teil ist) sollte man Live senden. Auch und gerade um allenfalls vorhandene Vorurteile abzubauen.
Wenn es um die Strategie geht, versteh’ ich es auch. Das war ja gestern der Fall. Nur ist es eben wirklich so, dass die Bewegung mit vielen Vorurteilen zu kämpfen hat und ich glaube, dass es dringlich wäre, jene abzubauen und eine breitere Masse der Studenten anzusprechen…
Naja, die Debatte um den Livestream gehört glaubs irgendwie zu den Geburtswehen. In Wien war das auch nicht anders, und auch dort wird nicht pausenlos alles und bis in jede Arbeitsgruppe gesendet. (Wer soll sich denn das alles ansehen). Aber spannende Debatten, insbesondere im Anschluss von interessanten Referaten sollten zwingend übertragen werden. Ganz pragmatisch, indem der Live-Feed eben nicht aufs Publikum sondern in erster Linie aufs Speakerpult gerichtet ist.
Dann brauchts nur noch ein Mikro im Publikum und gut is. Ab und zu einer dieser verpixelten Laptopkamera-Schwenker ins Publikum ist dann auch nicht gerade so furchtbar dramatisch.
Stimmt, ist eine gute Idee. Wenn’s mir heute reicht, werde ich das im Plenum vorschlagen.
Der Ton muss unbedingt angeschaltet werden. Nicht weil alle alles sehen wollen, sondern um zu zeigen dass man nichts zu verbergen hat. (Das Plenum ist ja eh offen)
PS: Trackbacks sind auf zs-online einfach nicht konfiguriert. (die Einbindung als normale Kommentare wie in vielen Blogs find ich ziemlich störend, und für was besseres fand ich bisher keine Zeit). Du kannst aber gerne weiter Links posten…
Grüsse,
der ZS Webspasti.
Meine Rede mit dem Ton…
LG und bis bald oder so
Vorurteile sind normal. Und hier haben ganz typisch die Pro- und Kontra-Reflexe funktioniert. Nur: Das bringt ja niemanden weiter, und deshalb sollte man sich spätestens nach dem ersten Begeisterungs- oder Ärgerschub (je nachdem) mit der Materie auseinandersetzen. Dank verschiedener Quellen war das gut möglich. Ich finde den Protest richtig und gut – aber ich gestehe, ich bin auch froh, ist er nun von den Schlagworten weg und hat sich die ganze Sache vertieft.
Viel Glück und vor allem viele gute Gespräche.
Liefere nöd lafere! Studis ab ad Büecher! Wir in der Privatwirtschaft können auch nicht den faulen Lenz schieben.
[...] Einblicke lieferten für mich bislang eindeutig die drei Blogs Nichtsistklar, Rausfall (Bern) und Monsieur Croche [...]
Als Liz-Studi, die noch Glück gehabt hat (zweitletzter Jahrgang), kann ich nur als Aussenstehende die Proteste betrachten. Aber was ich von Bologna sehe, höre und mitbekomme kann mich nur entsetzen:
Was soll die Punktejagd? Studiert man noch aus Freude am Fach willen oder nur der Punkte wegen? Einfach aus Freude und Interesse in Veranstaltungen sitzen, ist das noch möglich? Natürlich sind Prüfungen als Leistungsbeweis nützlicher als 7 Jahre lang keine Prüfung, um am Schluss alle zu haben, aber gleich acht, neun Prüfungen am Ende eines Semesters? Und Stundenpläne, die nach zwei Wochen fix und unverrückbar sind, lassen keine Flexibilität zu – wer weiss schon, wie das Leben in 14 Wochen verläuft? Ach, und Nebenfächer – schön, dass sich immer alle Module zu überschneiden scheinen, die man eigentlich besuchen möchte. Arbeiten “light” zu schreiben lässt auch keine Vertiefung zu, was sollen Vorträge à 5 Minuten und Seminararbeiten à 8 Seiten?
Das mal als Anstoss von einer aussenstehenden Lizstudierenden, die sich glücklich ihres Dino-Status bewusst ist…
Danke für deine Einblicke! Hattet ihr damals eigentlich auch schon eine Assessment-Stufe oder etwas Vergleichbares? Wegen Überschneidungen zwischen HF und NF war es mir letztes Jahr nicht möglich alle Vorlesungen zu besuchen und am Ende des Semesters fand ich teilweise kaum Zeit zur Vorbereitung auf einige Prüfungen (7 an der Zahl), sodass ich eine nicht bestand (in Politikwissenschaften). Dank Bologna durfte ich nun ein Jahr warten, um diese Prüfung zu wiederholen. Dabei lungere ich immer noch in der Assessment-Stufe rum und hab’ so quasi ein Jahr verloren.
Hältst du die Besetzungen in diesem Fall ebenfalls für gerechtfertigt? Und ist dir die Bewegung sympathisch bzw. spricht sie dich an? Leider krankt die Bewegung irgendwie ein bisschen daran, dass sie nur einen Teil der Studierenden anzusprechen scheint…
Liebe GRüsse
Hallo zusammen
Vorweg: Bologna hat für die Studierenden viele Vorteile gebracht.
1.) Durch die Klassifizierung der Lehrveranstaltungen mit Punkten haben die Studierenden erstmals seit der Erfindung der Universitäten die Möglichkeit, sich zu wehren. Zuviel oder zu wenig Stoff, Lern- und Schreibarbeit usw. können endlich angeklagt werden. Dadurch, dass die Dozenten ihre Vorlesungen “bepunkten” müssen, können die Studierenden den ungefähren Aufwand abschätzen.
2.) Die Mobilität wurde grundsätzlich verbessert. Der Wechsel zwischen Universitäten ist deshalb schwierig, weil eine jede Uni und jede Fakultät noch immer eigene Schwerpunkte setzt – und dies meiner Meinung nach auch soll. Wenn ihr von einem Gymnasium an ein anderes wechseln wollt (in einen anderen Kanton) habt ihr etwa dasselbe Problem. Die Lehrpläne stimmen nicht überein. Aber das MUSS ja so sein, sonst wären alle Unis und Fächer ja gleichgeschaltet. Bologna hat aufgezeigt, dass wir eigentllich eine enorme Vielfalt an Studiengängen haben. Und man wollte lieber die Vielfalt schützen anstatt alles gleichzuschalten und Studiengänge abzuschaffen.
Soviel dazu.
Protostomia
Hallo Protostomia, danke für deinen Beitrag.
Bin da halt leicht anderer Meinung. Das Problem mit den Punkten ist doch auch, dass latent stets ein Druck herrscht, seine 30 Punkte pro Semester zu buchen, da man sein Studium ansonsten nicht in der Richtzeit zu ende bringt.
Und bei der Mobilität mag das zwar so auf dem Papier stehen, aber faktisch sieht es momentan noch so aus, dass man 1) gar kein Austauschsemester machen kann, wie es bei mir wegen den 2-semestrigen Modulen der Fall ist oder 2) man im Ausland war und sich dann dafür irgendwie bloss 8 Punkte oder so anrechnen lassen kann. Hab das jetzt schon von einigen Studis gehört.
Hallo
Aber sind wir ehrlich: war früher irgendetwas von dem was du sagst anders? Oder war es dazumals nicht eher so, dass eh niemand wusste, was man genau studiert und es somit auch irrelevant war, wo und wann und wie man das tat? Denke eher, dort liegt das Problem. Mit Bologna wurde einfach klar, dass jede Hochschule ein hochspezifisches Lernangebot hat.
Und das mit dem latenten Druck ist wohl überall in der Welt so. Leute, welche eine Lehre machen, beschweren sich ja auch nicht über den latenten Druck, arbeiten gehen zu müssen
Einfach ruhig sein und studieren
Grüsse Protostomia
Ja, offenbar war es früher anders. Kann mich dem, was du sagst nicht anschliessen. Oder hast du das Gefühl, jeder ging einfach mal an die Uni ohne zu wissen, was er/sie studiert?! Was ist mit den Fächerüberschneidungen und den Problemen beim Austauschsemester? Es ist wohl schon ein Stück weit gut, dass nun klar ist, was man zu studieren hat. Das befürworte ich ja auch. Jedoch ist es bisher einfach schlecht umgesetzt.
Des Weiteren kann man eine Lehre nicht mit der Uni vergleichen. An der Uni “studiert” man. Dieser Begriff kommt ja nicht von Ungefähr. Studieren bedeutet sich vertieft mit einer Sache auseinanderzusetzen, bedeutet, man braucht auch Zeit dafür.
Deine Aussage “einfach ruhig sein und studieren” finde ich daneben. Wenn du mit deinem Studium zufrieden bist ist und du eher eine Person bist, die die Faust im Hosensack macht, ist das das Eine. Aber deshalb kannst du nicht anderen verbieten sich zu äussern, wenn sie mit etwas nicht zufrieden sind.
Die meisten Leute gehen an die Uni, ohne zu wissen, was sie studieren. Das ist leider ein Faktum und hängt damit zusammen, dass tatsächlich nur wenige Fächer ein “Ausbildungsziel” haben. Eine Reform zu kritisieren, nur weil sie einem plötzlich ein Ziel vorzugeben versucht, finde ich falsch. Aber genau das passiert im Moment. Alles scheint falsch zu sein und muss wieder rückgängig gemacht werden usw. nur weil man plötzlich weiss, was man eines Tages können wird.
Und die Faust im Hosensack mache ich sicher nicht. Ich weiss, wie ich mir meine Bildung holen kann und mache das seit vielen Jahren, als die meisten meiner heutigen Mitstudierenden noch nicht einmal wussten, warum sie überhaupt zur Schule gehen.
Und zudem: Ich habe noch KEINE der “Aktivisten” aus den Aulen je in einem Wahlkampf, einem Intitativprojekt oder an einer Parteiversammlung gesehen, wie sie sich konstruktiv für Verbesserungen im Bildungssystem eingesetzt haben. Auch nie wurden die politischen Parteien um Unterstützung angefragt. Wie sollen diese denn Wissen, dass ihr Probleme mit systematischem Lernen habt, wenn ihr euch nicht beschwert?
Ihr könnt mir nicht weis machen, dass ihr es tatsächlich soooo ernst meint mit euren Gesellschaftsvorstellungen.
Ach ja: und wenn du denkst, mit einem Studium hast du eine “höhere” Ausbildung als bei einer Lehre, dann ist DAS daneben. Immerhin sind Lehrlinge 3 – 4 Jahre lang 40 Stunden pro Woche mit 4 -5 Wochen Ferien am Lernen und Arbeiten und erhalten nicht einmal einen richtigen Lohn dafür. Wir haben knapp 30 Wochen Vorlesungszeit und ca. 20 – 30 Wochenstunden. Erzähl mir keiner, das sei anspruchsvoller oder “höher” als etwas anderes. Denk mal über den Ausspruch “Underskilled & Overeducated” nach!